Vom 10.-14. April fand die 10. Dokfilmwoche HH statt. Und dieses kleine Festival, das Grenzen sprengt, hat einen fühlbaren Sprung hingelegt. Besser gefüllte Kinosäle als je zuvor, mehr Filmemacher_innenen und Gäste aus mehr Ländern. Und das, obwohl drei nur bedingt einladende Worte ganz besonders gut zu diesem Festivaljuwel passen: ambitioniert, mutig und streitbar. Eine nachträgliche Begehung.
Mittwoch, 10.4.
20.00 Uhr | Eröffnungsfilm: »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« | Metropolis
Wie es sich für eine Eröffnungsveranstaltung gehört, ist kaum jemand wegen des Films da: Da sind die ganzen Beauftragten und Repräsentanten, Presse und Branchenmenschen, die Pflichtbesucher eben. Aber auch die Freunde, Freunde von Freunden, Eltern, Eltern von Freunden, die Partner, die Ex-Partner, die Verlorenen, die Treuen, die Bemühten, die anderen Pflichtbesucher eben. Zusammen mit einem Freund, der viel zu spät kommt und den Film eben eigentlich auch gar nicht sehen möchte, ergattere ich noch letzte Plätze in der vorletzten Reihe. Die Eröffnungsrede ist schon im Gange.
Philipp Hartmann hat einen Film gemacht, der sich fragt, warum einem die Zeit lang vorkommen kann, wo doch jeder weiß, dass wir alle länger tot als lebendig sind. »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« ist eine Kollage, die aber nicht in einem assoziierenden Strom des Phantasierens aufgeht, sondern viele gebündelte Miniaturen anbietet, die eher von demselben Punkt aus gedacht zu sein scheinen. Manche dieser Miniaturen mögen einem lang vorkommen. Denn seine innere Logik trägt der Film nicht vor sich her, sondern vergräbt sie ganz tief in sich. Er hütet sie wie ein Geheimnis. Und er tut gut daran. Er nimmt Anekdoten, Spielereien, banale Beobachtungen und Spezialhumor und überhöht die durch und durch persönlichen Kinosplitter zu Bezugspunkten für den Betrachter, legt sie frei zur Bedeutungsaufladung. Dann ist da noch tiefes Entsetzen – vor dem Sterben, mehr als vor dem Tod, vor der Auflösung des Ichs, vor dem Vergessen.
Ein formalistischer Kniff, wie der, dass jede Minute des Films für ein Lebensjahr des Filmemachers steht (laut statistischen Erhebungen müsste Philip Hartmann 76 Jahre alt werden), dient im System Hartmann eher als Initialzündung, aber nicht als Antwort auf irgendwas. Am Ende kommt man aus dem Kino und wird sich eines entsetzlichen Phänomens gewiss: Rückblickend kommen einem diese 76 Minuten schon wieder sehr kurz vor. Und damit, fürchte ich, bereitet »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« seine Zuschauer auf einen Gedanken vor, der mit 76 Jahren, sofern es mit dem Denken dann noch geht, ganz ähnlich noch einmal auftauchen wird. (4,5 von 5 Sternen)
Mittwoch, 10.4.
20.00 Uhr | Eröffnungsfilm: »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« | Metropolis
Wie es sich für eine Eröffnungsveranstaltung gehört, ist kaum jemand wegen des Films da: Da sind die ganzen Beauftragten und Repräsentanten, Presse und Branchenmenschen, die Pflichtbesucher eben. Aber auch die Freunde, Freunde von Freunden, Eltern, Eltern von Freunden, die Partner, die Ex-Partner, die Verlorenen, die Treuen, die Bemühten, die anderen Pflichtbesucher eben. Zusammen mit einem Freund, der viel zu spät kommt und den Film eben eigentlich auch gar nicht sehen möchte, ergattere ich noch letzte Plätze in der vorletzten Reihe. Die Eröffnungsrede ist schon im Gange.
Philipp Hartmann hat einen Film gemacht, der sich fragt, warum einem die Zeit lang vorkommen kann, wo doch jeder weiß, dass wir alle länger tot als lebendig sind. »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« ist eine Kollage, die aber nicht in einem assoziierenden Strom des Phantasierens aufgeht, sondern viele gebündelte Miniaturen anbietet, die eher von demselben Punkt aus gedacht zu sein scheinen. Manche dieser Miniaturen mögen einem lang vorkommen. Denn seine innere Logik trägt der Film nicht vor sich her, sondern vergräbt sie ganz tief in sich. Er hütet sie wie ein Geheimnis. Und er tut gut daran. Er nimmt Anekdoten, Spielereien, banale Beobachtungen und Spezialhumor und überhöht die durch und durch persönlichen Kinosplitter zu Bezugspunkten für den Betrachter, legt sie frei zur Bedeutungsaufladung. Dann ist da noch tiefes Entsetzen – vor dem Sterben, mehr als vor dem Tod, vor der Auflösung des Ichs, vor dem Vergessen.
Ein formalistischer Kniff, wie der, dass jede Minute des Films für ein Lebensjahr des Filmemachers steht (laut statistischen Erhebungen müsste Philip Hartmann 76 Jahre alt werden), dient im System Hartmann eher als Initialzündung, aber nicht als Antwort auf irgendwas. Am Ende kommt man aus dem Kino und wird sich eines entsetzlichen Phänomens gewiss: Rückblickend kommen einem diese 76 Minuten schon wieder sehr kurz vor. Und damit, fürchte ich, bereitet »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« seine Zuschauer auf einen Gedanken vor, der mit 76 Jahren, sofern es mit dem Denken dann noch geht, ganz ähnlich noch einmal auftauchen wird. (4,5 von 5 Sternen)
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| »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« |
Donnerstag, 11.4.
18.00 | Wettbewerb: »4 Buildings, Facing the Sea« | 3001
19.45 | Wettbewerb: »Un mito antropologico televisivo« | 3001
21.30 | Unformatiert: »Corta« | 3001
Weil ich nach der Arbeit sehr müde bin lege ich mich vor der ersten Vorstellung noch einmal hin. Das mache ich sonst nie, mich Nachtmittags hinlegen. Vielleicht weil ich Angst habe, dass die Zeit wie ein brüllender Löwe vergeht. Sich nachmittags hinzulegen ist natürlich auch nur während eines Festivals möglich, dessen ersten Vorstellungen frühesten um 17 Uhr starten. Mir kommt dies sehr menschlich vor, als wenn die Dokfilmwoche mit eingebautem Reflexionsraum daherkommt.
Im 3001 treffe ich zufällig einen lieben Menschen. Gemeinsam schauen wir »4 Buildings, Facing the Sea«. Philippe Rouy hat seinen Film aus acht Monaten Material (ca. 5700 Stunden) zusammengeschnitten, das von Webcams des Tokioter Energiekonzerns Tepco stammt, die damit die Aufräumarbeiten rund um den Katastrophenreaktor von Fukushima ins Internet übertragen. Bilder für niemanden, aufgezeichnet von dem gleichgültigen Auge der Webcam. Tepco selbst nutzt das Material nicht, nach deren Verständnis dient der Akt der Überwachung dem Aufpolieren des eigenen Images. (Ich finde solche Zufälle immer interessant, dass eine Imageaufbesserung durch das Erzeugen besonders vieler Bilder passieren soll, zum Beispiel.) Bei der Überführung dieser Bilder ins Kino passiert natürlich eine ganze Menge, aber in erster Linie ist Rouy damit politisches, abgründiges Kino über die furchtbaren Arbeitsbedingungen der Aufräumarbeiter gelungen. Ein bis heute anonymer Arbeiter in einem weißen Arbeitsanzug mit verhülltem Gesicht holt den Betrachter schließlich in einen Kommunikationsvorgang, an dem er nicht beteiligt ist – dieser Arbeiter macht das Unwahrscheinlichste von allem: Er geht plötzlich zur Kamera und zeigt 28 Minuten auf den Betrachter. Also, auf dich und auf mich (nicht: auf uns). Kurz wird »4 Buildings, Facing the Sea« auch Horrorfilm. Für Rouy war dieser Gestus des Zeigers wie ein Ruf, ein Zeichen, den Film machen zu müssen; eine Verbindung mit Fukushima herzustellen, wo keine war. Wir begegnen aber auch Krähen, einem Fuchs, Spinnen und Fliegen. Für mich hatte sich der Wettbewerb nach diesem – ersten – Film entschieden. (5 von 5 Sternen)
Ich beschließe, das Dokfilmfest beruhigt zu begehen und bleibe für den Rest des Tages einfach im 3001. Der anschließende »Un mito antropologico televisivo« ist ein verspulter Versuch, durch das Zeigen von bislang nichtgesendeten Fernsehbildern eines lokalen sizilianischen Senders, anthropologische Arbeit zu leisten. Der Film wird nach jeder Vorführung zufällig verändert. Manches Material kommt hinzu, anderes fällt weg. Irgendwie dreht sich das Mixtape trotzdem um Wohnungsnot, korrupte Politiker und wütende Hausfrauen Anfang der neunziger Jahre auf Sizilien. Im Anschluss an den Film ringt ein junger Italiener mit müdem Blick frustriert um Worte, die Dolmetscherin auch. Ihr ist das Reden unangenehm, was mir bei einer Übersetzerin komisch vorkommt, doch wahrscheinlich macht sie sonst etwas völlig anderes. Die Moderatorin ist sehr geduldig mit ihnen, das Publikum auch. Soweit ich es verstanden habe, möchte das Kollektiv hinter »Un mito antropologico televisivo« gerade durch den Gebrauch von Material regionaler Kleinstsender auf die Spur einer alternativen Erzählung kommen, abseits der offiziellen Geschichtsschreibung und medialer Platzhirsche. Ich bin mir nicht sicher, ob der edle Weg des Chaos und der Willkür für dieses Projekt der richtige ist. Mein Mitstreiter fand ihn besser als ich. Zum Glück geht es da auch schon weiter. (2 von 5 Sternen)
Nämlich mit »Corta«, der in langen unbewegten Kameraeinstellungen Männer beim Umhauen von Zuckerrohr zeigt und macht, was diese Sorte des »Pure Cinema« so machen soll: Er sieht (eigentlich) toll aus, hat eine wundervolle Tonspur, ist kontemplativ, lädt zur Meditation ein und bringt zum Schluss noch ein visuelles Gimmick – wenn am Ende des Arbeitstages die Zuckerrohrreste abgebrannt werden, glüht es zunächst rechts im Bild bis schließlich die ganze Leinwand in Flammen aufgeht. Alles ganz toll, alles ganz besinnlich. Wenn es da nicht ein Kopienproblem gegeben hätte. Dass solch ein materialinteressierter Film, der mehrmals auf sein Aufzeichnungsverfahren via 16-mm-Film hinweist, überhaupt als DCP gezeigt werden soll, kann einem schon zu denken geben. Leider hatte der Server im 3001 Probleme mit dem Codec des DCP, und es wurde stattdessen eine Datei gezeigt, die wiederum ihre eigene Komprimiertheit auf der Leinwand zu erkennen gab und sich so zwischen Betrachter und Film stellte. Analgelagertere Menschen könnten sagen, dass man »Corta« sich dann auch völlig schenken kann, weil auf diese Weise der eigentliche Sinn dieses Kinos in Pixelwolken aufgelöst wird. So weit würde ich hier nicht gehen, ich bin froh, ihn trotzdem gesehen zu haben, aber sehr, sehr schade ist das schon. (3,5 von 5 Sternen)
»The Punk Syndrome« sparen wir uns, der liebe Mensch und ich. Stattdessen gehen wir noch in etwas essen. In einem Falafel-Laden um die Ecke treffen wir Philipp Hartmann. Wir sprechen über die schlechte Kopie von »Corta«, weil er ihn auch gerade gesehen hatte. Ich sage ihm, dass mir sein Film sehr gut gefallen hat. Er bedankt sich. Wir sitzen zu dritt und essen Falafel. Danach verabschieden sich alle. Morgen geht der Wecker noch einmal früh los bevor ich ins Festival-Wochenende entlassen werde.
Freitag, 12.4.
20.30 | Dokland Hamburg: »Apple Stories« | Lichtmess
23.00 | Wettbewerb: »Mondomanila« | 3001
Es wird wärmer und das Gefühl von Schulferien macht sich breit. Da ich länger arbeite und mich danach fürs Kochen entscheide, verpasse ich »Dragooned«, der eigentlich auf meinem Plan stand. Dafür schaffe ich es noch, seit langem wieder mit meiner Mutter zu telefonieren. Auf die Frage, was ich denn heute Abend noch machen würde, antworte ich, ich gehe ins Kino.
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| »Apple Stories« |
Von da aus geht Rasmus Gerlach nach Ruanda, wo in Minen das kostbare Zinn für die Geräte abgebaut wird, aber auch nach Hongkong, Kairo und Shenzen. Das ist alles ziemlich interessant, auch sehr viel und natürlich erschreckend. Die kontrastierenden Effekte funktionieren. (Ich bemerke während der Aufnahmen von den Arbeitern in Ruanda, dass wenn ich an ausbeuterische Minenarbeiten denke, innere Imperialismus-Bilder von Sklaventreibern beschwöre; in Wirklichkeit sind die repressiven Strukturen viel komplexer: Zum Beispiel sind die Arbeiter in selbstorganisierten kleinen Gruppen in den Mienen unterwegs, ihr Gehalt bekommen sie als Prepaid-Guthaben auf ihre vom Unternehmen zu günstigen Konditionen (die Kommunikationstechnologie wird in Ruanda staatlich gefördert) bereitgestellten Handys geladen, von wo aus sie es für weitere Zahlungsvorgänge benutzen können. Das Handy ersetzt das Konto, der Arbeitgeber die Bank.)
Es sind nicht die Technikbilder, die »Apple Stories« manchmal kurz in einen Science-Fiction-Film verwandeln: Es ist der Eindruck, dass die Reparatur eines High-Tech-Geräts wie dem Smartphone Teil einer Grassroots-Bewegung sein kann.
Es lief eine synchronisierte Version. Wieso bloß? Davon abgesehen gefiel uns beiden der Film sehr gut. (4,5 von 5 Sternen)
Ich verabschiede mich schnell von meinem Freund, der sonst eher nicht viel am Hut hat mit Film, und düse mit dem Fahrrad ins 3001, wo meine langjährigste Freundin auf mich wartet. Sie ist Anwaltssekretärin und steht auf The Fall, Polvo und John Zorn. In der Reihe hinter uns im ausverkauften 3001, sitzt der liebe Mensch vom Donnerstag. Gemeinsam gucken wir nun also den philippinischen »Mondomanila«, von dem uns das Programmheft »bizarre Episoden, überladen mit Sex, Drogen und wildgeworden Teenagern« verspricht. Irgendwann begreife ich, dass sich dort ein paar junge Schauspieler als Bad-Ass-Motherfuckers inszenieren, der Filmemacher sich dafür mit ihnen verbündet und er die tatsächlichen Bewohner dieses Slums in Manila zu stummen Statisten am äußersten Rand der Bilder macht. Nachdem ich weiter bemerke, dass die Power des Films aus einem altbekannten Ort der Teenage-Angst kommt, einem Ort der Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, bin ich damit völlig okay. In dem Publikumsgespräch nach dem Film, versucht Rasmus Gerlach dem leicht amüsiert dreinschauenden Filmemacher Khavn de la Cruz in brüchigem Englisch Genretheorie zu erklären. Dem Publikum ist das ein wenig unangenehm. Einem Bekannten beschreibe ich den Film später als eine Mischung aus Harmony Korines »Gummo« (wegen der Furchtlosigkeit) und Sion Sonos »Love Exposure« (wegen der hysterischen Spontanität), aber lange nicht so genial, was wahrscheinlich völlig falsch ist. Meiner Begleitung gefällt die Musik. Später in einer Kneipe sind wir uns darin einig, dass wir dem Film 3 von 5 Sternen geben würden.
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| »Mondomanila« |
Samstag, 13.4.
14.30 | Retrospektive: »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« | 3001
18.00 | Unformatiert: »Anders, Molussien« | Lichtmess
20.30 | Dokland Hamburg: »1,7« | Lichtmess
Angeschlagen schiebe ich meinen müden Körper in den überfordernden »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« von Gerhard Benedikt Friedl, der mir ausgesprochen gut gefällt. Die Darstellbarkeitskrise, von der auch das Programmheft spricht, kann man in diesem Film sehr gut sehen: »Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache ‚Wiedergabe der Realität‘ etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus«, schreibt Brecht im Dreigroschenprozeß. In gleichförmigen, sehr ruhigen Schwenks werden vor allem völlig unterschiedliche Formen der Arbeit gezeigt, aber nicht nur. Immer wieder gibt es aus Autos heraus gefilmte POVs; Menschen, die Straßen überqueren; und eben auch jene Brecht-Fabriken. Dazu ein sehr nüchterner literarischer Text auf der Tonspur, der Sprecher hat einen monotonen, harten Duktus. Er berichtet von persönlichen Verwicklungen des Großkapitals. Das sich dem Film anschließende Gespräch von Werner Ruzicka und Werner Dütsch ist ziemlich interessant. Ich erfahre, dass Gerhard Friedl sich umgebracht hat. Außerdem stellen sie einen Zusammenhang zu Thomas Bernhard her, von dem ich aber nur ein Buch halb gelesen habe. »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« bleibt ein Film, an dem man sich abarbeiten kann. (5 von 5 Sternen)
14.30 | Retrospektive: »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« | 3001
18.00 | Unformatiert: »Anders, Molussien« | Lichtmess
20.30 | Dokland Hamburg: »1,7« | Lichtmess
Angeschlagen schiebe ich meinen müden Körper in den überfordernden »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« von Gerhard Benedikt Friedl, der mir ausgesprochen gut gefällt. Die Darstellbarkeitskrise, von der auch das Programmheft spricht, kann man in diesem Film sehr gut sehen: »Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache ‚Wiedergabe der Realität‘ etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus«, schreibt Brecht im Dreigroschenprozeß. In gleichförmigen, sehr ruhigen Schwenks werden vor allem völlig unterschiedliche Formen der Arbeit gezeigt, aber nicht nur. Immer wieder gibt es aus Autos heraus gefilmte POVs; Menschen, die Straßen überqueren; und eben auch jene Brecht-Fabriken. Dazu ein sehr nüchterner literarischer Text auf der Tonspur, der Sprecher hat einen monotonen, harten Duktus. Er berichtet von persönlichen Verwicklungen des Großkapitals. Das sich dem Film anschließende Gespräch von Werner Ruzicka und Werner Dütsch ist ziemlich interessant. Ich erfahre, dass Gerhard Friedl sich umgebracht hat. Außerdem stellen sie einen Zusammenhang zu Thomas Bernhard her, von dem ich aber nur ein Buch halb gelesen habe. »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« bleibt ein Film, an dem man sich abarbeiten kann. (5 von 5 Sternen)
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| »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« |
Mit »Anders, Molussien« bewegt man sich im Outer Rim der Kinogalaxis, oder in ihrem tiefsten, glühenden Kern; je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Nicolas Rey hat selbstgebaute Kameras genommen, teilweise durch Windkraft betrieben, und auf gröbstkörnigem Film ein fiktives faschistisches Land (Molussien) portraitiert, das in einem Buch von Günther Anders vorkommt, welches nie ins Französische übersetzt wurde und der Filmemacher deswegen nicht lesen konnte. Er hat es andere lesen lassen, die ihm dann davon erzählen mussten. Anschließend entwickelte und vertonte er den Film selbst. Vor jeder Vorführung wird die Reihenfolge, in der die einzelnen Filmrollen gezeigt werden, ausgelost. So oder so, »Anders, Molussien« ist sehr archaisches Kino. Leider rauchte in diesem ganz und gar analogen Ereignis der 16-mm-Filmprojektor ab und die letzten vier Minuten konnten nicht gezeigt werden. Damit bleibt diese Fassung von »Anders, Molussien« für immer unvollständig. Bei 362.880 möglichen Reihenfolgen ist eine Wiederholung dieser Version sehr unwahrscheinlich. Zum Glück werden bei einer anderen Vorstellung diese Film-Minuten wieder durch einen Projektor laufen, auch wenn sie dann nicht die exponierte Stelle der letzten vier haben werden. Dass diese Vorstellung nicht beendet wurde, macht mich im Nachhinein sehr unruhig. (5 von 5 Sternen)
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| »Anders, Molussien« |
Wir waren noch essen beim Asiaten, dann im Festivalclub und landeten später in derselben Kneipe wie am Abend zuvor.
Sonntag, 14.4.
14.30 | Retrospektive: »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu« | 3001
18.30 | Spezial: »Into the Abyss« | Metropolis
21.00 | Unformatiert: »Leviathan« | Metropolis
Angeschlagener schiebe ich meinen noch müderen Körper zum letzten Festivaltag in den sehr langen »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu«. Mein Freund aus Berlin begleitet mich noch einmal. In der Reihe vor uns sitzt Nicolas Rey. Ich schwitze und stinke. Der Film ist dafür ein weiteres Highlight. Er baut aus Propagandamaterial, das ein siebenköpfiges Kamerateam um Ceauşescu praktisch über dessen gesamte Wirkungsdauer von ihm aufgezeichnet hat, eine Biografie der Persona. Von daher verweist das »Auto-« im Titel auf eine Figur, die aus den Bildern kommt, nur im Bild besteht, und daher auch Urheber dieses Films ist. Auch wenn jemand anders – Andrei Ujica – das Material zusammengeführt, geordnet und bearbeitet hat. Und nur an dieser ewig winkenden Persona ist der Film interessiert. Nicht an der biografischen Person »dahinter«, nicht an dem wer, wo, wann, wie, weshalb. Drei Stunden lang gibt es Reden, Propagandamärsche, Überwältigungsrevuen gegen die jeder Super-Bowl-Halbzeitshow ein Furz ist, und immer wieder treffen Staatsoberhäupter aufeinander. Es fehlt dann meist der Ton und der Blick wird ganz auf Geste, Bewegung, Miene gelenkt. Komödiantischer Höhepunkt hier sicherlich: Wenn Ceauşescu und Kim Il Sung ratlos voreinander stehen und sich gegenseitig anwinken. »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu« erinnert einen auch wieder daran, dass man über die Lächerlichkeit der Mächtigen lachen kann. Und dass dies nichts an dem Problem ändert, dass sie die mit der Macht sind.
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| »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu« |
Das Metropolis ist gut gefüllt. Rasmus Gerlach übertrifft sich in seiner Einführung zu diesem schwierigen Film selbst, überhaupt jemand, der mich sehr beeindruckt hat in den letzten Tagen. In »Into the Abyss« schafft es Kinosoldat Herzog wieder einmal, Ambivalenz und Mehrdeutigkeit zu erzeugen, indem er mit einer Panzerfaust an der Tür klopft. Er lässt seine Protagonisten reden und hält drauf. Aber eben länger als andere, bei direkteren Fragen. Leider verstehe ich nicht alles vom teilweise sehr slangstarken Englisch der Amerikaner. Dem Wunsch einer Zuschauerin nach Untertiteln muss ich mich anschließen. Mir kam es allerdings so vor, als würde ich einen eher mittelmäßigen Herzog-Film sehen. Unter anderem scheitert er am ehrfurchtsvoll andächtigen Kameraflug durch den Todestrakt. Dort hätte zumindest ich mir mehr soldatische Nüchternheit gewünscht. (2,5 von 5 Sternen)
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| »Leviathan« |
Nach »Leviathan« stehen wir noch kurz zu viert vorm Metropolis. Lachen, sind alle erschöpft, die einen mehr, andere weniger. Ich habe aufgehört zu schwitzen und stinke nur noch. Der Festivalclub hatte am Samstag seinen letzten Abend. Das Festivalteam hatte noch angekündigt, dass sie in die Toast-Bar gehen. Wir machen uns aber alle auf in Richtung unserer Zuhause, denn es ist Teamabend.
Dem Team der 10. Dokfilmwoche HH wünsche ich von ganzem Herzen, dass es einen der besten Abschlussabende der Welt hatte – denn das, was ihr da gerade macht, ist fantastisch.
Vielen Dank!
Der Text erschin zuerst im April 2013 beim Affektblog.








