Primal Fear

USA 1996, 129 min., Regie: Gregory Hoblit, Buch: Steve Shagan, Ann Biderman, Produktion: Hawk Koch, Robert McMinn, Gary Lucchesi, mit: Richard Gere, Laura Linney, John Mahoney, Frances McDormand, Edward Norton

Als der Messdiener Aaron (Edward Norton) beschuldigt wird, einen Erzbischof auf brutalste Art ermordet zu haben, schaltet sich der Staranwalt Martin Vail (Richard Gere) ein und übernimmt den Fall pro bono. Zunächst ist Vail von Aarons Unschuld überzeugt und ermittelt nach einem „unbekannten Dritten“, der am Tatort gewesen sein muss. Doch dann taucht ein Video aus dem Besitz des Bischofs auf, das Aaron ein Motiv für die Tat gibt.


Unversehens fährt man zusammen, wenn in Primal Fear auf einmal das Blut spritzt und Körperteile abgetrennt werden, während man noch dabei ist, sich in die Details des letzten Falls um Richard Geres verschmitzten Staranwalt Martin Vail einzufinden. Ein unerwartet roter Tupfer, der den sonst recht zahmen Film im desperaten Modus des vom Horrorfilm informierten Neunzigerjahre-Thrillers verortet. Wenn nun diese dicklichen Finger eines Erzbischofs durch die Luft fliegen und dazu ein Knabenchor trällert, dann ist in einem leicht pulpy Thriller recht schnell klar, wohin die Reise geht. Die Pädophilieprobleme der katholischen Kirche werden hier zwar noch nicht vorgeahnt, dafür sind die Protagonisten auch schlicht zu alt, doch die schmierigen Sexpraktiken eines Würdenträgers dürfen es schon sein – das ist eh weniger verfänglich und lässt sich auch voyeuristischer inszenieren. Doch die Prämisse von Primal Fear lautet nicht: Wer hätte gedacht, wo die Finger eines mächtigen Katholiken schon gefummelt haben, sondern sie spielt mit der Angst, dass ein skrupelloser Krimineller seiner gerechten Strafe entwischt, weil ein Justizsystem aus leichtgläubigen Gutmenschen ihn für unzurechnungsfähig erklärt. Ein exploitativer Thriller also, der selbst auch ein kleines bisschen beknackt-katholisch ist. Vail – Aarons Anwalt im Armani-Anzug und mit graumeliertem Haar – ist Grenzgänger zwischen Macht und Milieu, zwischen Autoritäten und Abschaum. Er vertritt die Auffassung, dass jeder Angeklagte die bestmögliche Verteidigung verdient – egal, was er verbrochen hat. Edward Norton setzt schon in der ersten großen Rolle seiner Karriere seine jungenhafte Erscheinung gezielt ein, um den janusköpfigen Aaron als Unschuldslamm aufzubauen. Und nicht nur Vail lässt sich von Aaron täuschen, auch der Zuschauer wird von einem finalen Twist auf ein Glatteis geführt, das einen wohl über die titelgebende Urangst nachdenken und an demokratischen Idealen zweifeln lassen soll. Über solch tendenziösen Unsinn sollte sich nicht zu sehr ärgern, wer Spaß mit dem Film haben will, was aber geht – vor allem dank Richard Gere als Normcore-Übermensch und Edward Norton als Bilderbuchpsychopath.
Der Text wurde 2015 von der Kinemathek Hamburg e. V. im Programmheft zu einer Werkschau des
Schauspielers Edward Norton veröffentlicht.