Film der Ausgabe
Der Film selbst nennt die folgende
Szene das „miracle“: Der 17-jährige Upskirt-Fotograf Yu verliebt sich in das
ihm noch unbekannte, schlagkräftige Schulmädchen Yoko, während er ihr gegen
einen Trupp Schläger zur Hilfe eilt, den die intrigante Drahtzieherin Koike auf
sie angesetzt hat. Yu sieht in Yoko die Personifikation der heiligen Maria, die
zu finden ihm seine Mutter am Sterbebett einschwor. Allerdings ist er zu diesem
Zeitpunkt gerade in die Rolle der Miss Scorpion geschlüpft, Dragqueen-Kriegerin
der Gerechtigkeit, und trägt ein enges, schwarzes Kleid, den mondänen Hut einer
Diva und eine riesige Sonnenbrille. Ein kurzer Kuss besiegelt das Schicksal der
beiden Liebenden: Yoko kommt zu dem Schluss, sie habe lesbische Gefühle, Yu
muss seines Lebens erste Erektion vor ihr verbergen, da seine Verkleidung auf
keinen Fall auffliegen darf und Koike freut sich darüber, dass ihr Plan
aufgeht.
Zu diesem Zeitpunkt hat das 237
Minuten lange, äußerst unterhaltsame Ausnahmewerk des japanischen Regisseurs
und Autors Sion Sono gerade seine erste Stunde erreicht und wir haben zum
Beispiel erfahren, dass Yus Vater, ein katholischer Pfarrer, seinem Sohn
unerbittlich die tägliche Beichte abverlangt. Yu beginnt daraufhin, tatkräftig
zu sündigen, um seinem Vater auf verquere Weise Beichtstoff bieten zu können.
Dazu gehört, jungen Frauen unter ihre Röcke zu fotografieren, wobei er sein
voyeuristisches Treiben erfolgreich mit Kung-Fu-Techniken anreichert und so
schließlich „seine Maria“ findet, die von diesem Tun natürlich nichts wissen
darf. Eine unwahrscheinliche Heirat später sind Yu und Yoko auch noch
Stiefgeschwister, was das Drama verkompliziert, zumal Yoko immer noch in Miss
Scorpion verliebt ist und nichts von der doppelten Identität ihres liebestollen
Bruders ahnt.
Was in Schrift und Wort übersetzt,
platt klingen mag, entpuppt sich als vielschichtiges, funkenschlagendes
Melodram, dessen zahlreiche Ebenen Sono so virtuos wie leichtfüßig miteinander
verwebt. Fällt ein Regisseur allein schon auf Grund der schieren Länge eines
solchen Werks schnell unter den Verdacht der Megalomanie, leidet Love Exposure
in keiner Sekunde an seinen epischen Ausmaßen. Vielleicht ist es der kurzen
Drehzeit von nur drei Wochen verschuldet, dass der Film bei all seinem barocken
Pathos dennoch völlig unprätentiös daherkommt. Mit einer wahnwitzigen Häufung
abstrusester Plottwists und einem Humor, der zwar häufig charmant aber auch
eindeutig unterhalb der Gürtellinie angesiedelt ist, überschreitet Love
Exposure mit Freude immer wieder geschmäcklerische Grenzen und fordert seine
Zuschauer so heraus, die eigene Moral zu überprüfen und sich zu fragen: Wer ist
hier der Perverse und (wie) urteile ich über ihn?
Was wirklich überrascht, ist das
große emotionale Potential, das er entwickelt und die tiefe Aufrichtigkeit, die
der Autor und Regisseur seinen Figuren entgegenbringt. Denn trotz intensiver
Bemühungen so ziemlich aller Japan-Film-Klischees (literweise Blut, prügelnde
Schulmädchen, eine schier endlose Zahl an ‚Panty-Shots’ und Mangafrisuren)
schafft Sono es, seiner Geschichte eine universelle Bedeutungsebene zu
verleihen. Diese dreht sich um sexuelle Begierde und Moral und begibt sich auf
die Suche nach einer Möglichkeit auch ohne Scham an einem vermeintlich
perversen Verlangen festhalten zu können. Es geht um die spirituelle Sehnsucht
nach Vergebung, Glauben und der seltsamen Einheit von Trieb und Schuld und
schließlich um – natürlich – die Liebe. Pures Seelenkino.
Japan 2008, 237 Min., Regie & Buch: Shion Sono – Rapid Eye Movies
Love Exposure erscheint am 5.
Februar bei RapidEyeMovies auf DVD.
Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin #4.


