Die Träume des Kinos sind dreidimensional



Ein interessanterer Umstand der aktuellen Welle an 3D-Filmen ist, dass um ihre schiere Existenz ein
größerer Wirbel gemacht wird, als um die Filme selbst. Und im Zuge dessen um eine Technik, die gerne als ‚logische Weiterentwicklung‘ des Blockbusterkinos vermarktet wird. Ein Argument, das auch Stefan Drößler, der Leiter des Filmmuseums in München, in seinem informativen Vortrag über die Geschichte des 3D-Kinos auf dem diesjährigen internationalen Kurzfilmfestival in Hamburg kritisierte. Historie verläuft trotz aller Annehmlichkeiten des Fortschrittsdenkens eben selten progressiv, sonder eher parallel.

Dass diese ganze Sache mit dem 3D-Kino doch nicht so neu ist, wie uns „Avatar“ & Co weißmachen wollen, das wurde mittlerweile schon häufiger zum Thema gemacht. Meistens wird dabei auf Filme wie Hitchcocks akribisch durchkomponierten „Dial M for Murder“ oder Gurken wie „Jaws 3-D“ verwiesen. Tatsächlich ist aber der Wunsch, die Filmbilder von der Fläche der Leinwand zu lösen fast genauso alt, wie überhaupt die Möglichkeit, einen Film zu projizieren. Seit dem ersten Flackern eines Filmprojektors träumt das Kino seinen Traum von der Ermächtigung des Zuschauerraums. Diese verborgene Filmgeschichte konnte Stefan Drößler nun mit Hilfe einer großen Auswahl historischer Filmausschnitte durchaus erfahrbar zu machen. 
 
Der Anfang ist, wie so häufig, ein Versehen: Georges Méliès, einer der Kino-Überväter, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts verärgert davon, dass seine damals in Amerika gedrehten Filmen als Raubkopien in Europa kursierten. Filmpiraterie um 1900. Um eine, wenn man so will, größere Marktkontrolle zu besitzen, entwickelte er eine Doppelkamera, die mit Hilfe von zwei Objektiven aus minimal unterschiedlichen Winkeln zwei Filmstreifen gleichzeitig belichtete. (Die Anzahl an Abzügen, die man damals von einem Filmnegativ ziehen konnte, war äußerst begrenzt.) Die eine Kopie blieb in den USA, die andere ging nach Europa. Wenn man etwas überschnappt, wird klar, dass es sich dabei in Wahrheit um die Manifestation eines unbewussten Traums vom dreidimensionalen Film handelte. Denn das Ergebnis von Méliès‘ Apparat waren nicht einfach zwei sehr ähnliche Filme, sondern ein stereoskoper Film! (also unbewusst jetzt.) Dafür sorgte die Kinoapparatur von ganz allein, sie träumte in 3D. Der Mensch teilte den Traum in zwei Teile und verteilte dessen Splitter über die Kontinente. Für seinen Film „L’oracle de Delphes“ von 1903 (Laufzeit: 2 Min) benutzte Méliès ebendiese Doppelkamera. Rechnet man heute die beiden Abzüge mit Hilfe einer digitalen Wahrheitsmaschine zusammen, so enthält man eine gut funktionierende 3D-Filmdatei, welche dann mit Beamer und Brille z. B. bei einem Vortrag von Stefan Drößler beguckt werden kann.

Méliès erfand jedoch keines Wegs das Raumbild. Dass man dafür zwei miteinander auf geschickte Weise verwobene Bilder brauchte, war auch schon vorher bekannt. So lässt sich die Geschichte des anaglyphen 3D-systems (das ist das mit den Rot-Grün-Brillen) bis zu Laterna magica-Vorführungen zurückverfolgen. Das Verfahren war also bekannt. Es geht immer darum, dass das eine Auge des Betrachters etwas anderes als das andere zu sehen bekommt. Es wurde probiert, gehämmert und geklopft, um dieses Verfahren auf den Film zu übertragen, die Informationen auf am besten einem Filmstreifen zu binden und sie dann vor den Augen des Zuschauers wieder zu trennen, damit deren Gehirne sie zusammendenken. Max Skladanowsky entwickelte dafür seinen Plastographen, die Lumière Brüder eine um neunzig Grad gekippte Kamera (=mehr Platz auf dem Filmstreifen; wie später auch beim IMAX-Verfahren), um 1935 der französischen Akademie der Wissenschaft ihre legendäre Einfahrt eines Zuges in einem 3D-Remake – man kennt es schon bzw. wieder – zu präsentieren. 

Bei der Olympiade 1936 experimentierten die Nazis mit 3D, 1946 entstand der erste russische abendfüllende 3D-Spielfilm „Robinzon Kruzo“ und beim Festival of Britain von 1951 wurden etwa zwanzig 3D-Kurzfilme in einem eigens dafür gebauten Kino gezeigt, u. a. einer von Animationspionier Norman McLaren. Alles vor der ‚großen 3D-Welle‘ der amerikanischen Filmstudios, die erst 1952 mit dem lahmen Safarifilm „Bwana Devil“ (Tagline: "A lion in your lap! A lover in your arms!") ins Rollen kam und sich interessanterweise – auch das kennt man schon bzw. wieder – bereits 1954 auf dem Doppelgleis der Zweifachverwertung (es gab jeweils 3D- und 2D-Versionen) wiederfand. Die 60er bis 90er Jahre zeichnen sich durch eine schier unübersehbare Vielfalt verschiedener 3D-Systemen aus, von denen einige was ganz anderes, andere wiederum genau dasselbe und wieder andere nur sich selbst meinen, bis in den 00er Jahren der digitale Erlöser, der große Gleichmacher inklusive Heilsversprechen auf den Plan trat.

Wenn man heute Ausschnitte zum Beispiel aus dem als sehr gelungen geltenden „Robinzon Kruzo“ von 1946 sieht  – Sergei Eisenstein war begeistert –, so ist man (ich zumindest) zunächst fasziniert von der beeindruckenden Tiefenwirkung, schlicht davon, dass es irgendwie tatsächlich funktioniert. Und doch tut es das nicht. Die Probleme sind immanent. So gibt es dort eine geradezu paradigmatische Einstellung, in der sich R.K. (oder R.C.) an einem Seil heraufzieht, um ein Schiff zu besteigen. Von oben entlang des hängenden Seils gefilmt, zieht sich die Figur langsam auf die Kamera zu, so dass erst eine Halbtotale und schließlich eine nahe Einstellung entstehen. Das Seil bildet eine Fluchtlinie (im doppelten, nein dreifachen Sinne). Der Gestrandete will in dem Moment nicht bloß der Einsamkeit der Insel entfliehen, nein, er versucht gleich bis in den Zuschauerraum zu kommen, sich seiner flüchtigen Erscheinungsform zu entledigen, wenn er am Ende direkt vor der Kamera hängt. Das suggeriert zumindest der 3D-Effekt. Und genau in dem Moment bricht die räumliche Antiillusion, die eigentlich eine Simulation ist, zusammen. Es ist banal: Kein Bild, keine Figur und keine Axt wird je die Leinwand verlassen können. So heftig auch immer das Kino davon träumen mag. Das Dilemma des 3D-Kinos: Ein Traum hebt sich auf, wenn er wahr wird.
   
Seit nun bummeligen einhundert Jahren müht man sich am 3D-Verfahren ab. Immer wird versucht, die mangelhafte Technik auszugleichen oder zu überlisten. Um den großen Kinotraum endlich auf die andere Seite zu ziehen. Und doch ist über den ganzen Zeitraum kein einziger abendfüllender Spielfilm entstanden, der eine 3D-Technik über seine gesamte Länge auf originäre Art und Weise nutzt. Die Möglichkeiten des Digitalen sollen nun zumindest die passende Technologie liefern (angeblich), das grundlegende Dilemma werden auch sie nicht in den Griff bekommen können. 3D-Filme werden ein faszinierendes Phänomen bleiben. Ein Randphänomen. Liebenswerte Bastarde. Ganz verschwinden werden sie nicht. Sie werden auch in Zukunft immer mal wieder auftauchen, um uns einzuladen, gemeinsam von einem unmöglichen Kino zu träumen.

Der Text erschien im Juli 2011 beim Affekt-Blog.