Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

Film der Ausgabe

Der Film strotzt nur so vor abgeklärten Bescheidwissern, Insidertum und hat zudem einen sozial dysfunktionalen Helden. Und doch will Slacker Scott Pilgrim nur das Eine: Die naive Liebe und die coole Ramona für sich gewinnen. Um an sie heranzukommen, muss er allerdings erst ihre sieben bösen Exfreunde in vorzüglich choreografierten Kämpfen besiegen und sich von seiner lästigen, uncoolen Teenager-Freundin trennen. Begleitet wird er dabei von der Band Sex Bob-Omb, in der er eher schlecht – dafür voller Inbrunst – Bass spielt und seinem schwulen, extrem ausgeglichenen und lebensweisen Mitbewohner Wallace (grandios: Kieran Culkin).


Mit Sex Bob-Omb tut sich auch schon ein gutes Beispiel für das Wirkprinzip des Films auf: Zum einen birgt der Name die naheliegende Assoziation mit dem Pop- oder Punk-Klassiker „Sexbomb“, zum anderen die etwas abseitigere Verbindung mit einem Charakter aus der bunten Welt von „Super Mario“. Dass für das Personal des Films Letzteres bedeutsamer ist, gibt ganz gut die Stoßrichtung des Films an. Denn immerhin ist Nintendos laufende Bombe mit den Kulleraugen das Maskottchen der Band und nicht Tom Jones oder das berühmte Flipper-Emblem. Die gesamte Mythologie dieser Comicverfilmung setzt sich aus meist sehr speziellen popkulturellen Versatzstücken der letzten dreißig Jahre zusammen. Mit anderen Worten: Es wird zitiert, dass die Schwarte kracht!

Dennoch gelingt es den Machern, den Eindruck einer äußerst stimmigen, wenn auch wahnsinnig schnellen, bisweilen überfordernden Collage zu erzeugen. Ohne Rücksicht auf eine konsistente Weltkonstruktion – Scott Pilgrim ist in diesem Sinne quasi Anti-Cameron – stimmt „anything goes“ hier tatsächlich mal. Was der Film dadurch hervorragend schafft, ist, die Art und Weise widerzuspiegeln, mit der sich jüngere Generationen der Zeichenwelt ihrer Vorgänger bemächtigen, mit der sie existierende Codes übernehmen und neu besetzen. Und entweder du verstehst es, bist dabei und einer von ihnen oder nicht. „We are Sex Bob-Omb!“, schreit die Drummerin. Will heißen: Seid ihr, liebes Publikum, mit uns oder denkt ihr an Tom Jones?


 Das ist gleichzeitig die größte Stärke als auch Schwäche des Films. Wenn man drin ist, erlebt man eine orgiastische Achterbahnfahrt. Kommt man allerdings nicht rein, weil sämtliche Zitate an einem vorüberhuschen, kann man den Lichtern des Zuges, der dort abfährt, eigentlich nur noch hinterhergucken. Denn seine dramaturgische Struktur folgt vor allem der einer Nummernrevue (nein, nicht der eines Videospiels) und gibt wenig Möglichkeiten, mit den Charakteren auf Tuchfühlung zu gehen. Nun, diejenigen, die „drin“ sind, werden das kaum vermissen, bezieht der Film seine emotionale Wirkung doch hauptsächlich aus der Rückkopplung an die Erinnerungen seiner Zuschauer mit ihren eigenen multimedialen Erfahrungen. Sprich: Auf der Tonspur des Films bliept, sprunzt und pluckert es in schönster 8- oder 16-Bit-Tradition, die geschlagenen Gegner zerspringen in goldene Münzen und wenn Scott das „Schwert-der-Selbstachtung“ zückt, wird so manchem Zocker das Herz weich.



Natürlich ist das Zitat-Kino nicht unbedingt neu und dem Film wird seit der ersten Ankündigung von Hipstertum bis zum Ausverkauf des Nerds so einiges vorgeworfen. Ob man den Hype um Scott Pilgrim nun teilen will oder nicht: Wer sich dazu entschließt, ihn zu meiden, slackermäßig zu Hause bleibt und lieber noch ’ne Runde „Super Mario“ daddelt, wird eine der smartesten, knalligsten und spaßigsten Leinwandexplosionen des Jahres verpassen. Make your choice! 3… 2… 1… Continue?


Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin.