Bestenliste 2012 – Zehnmal Angeberfilm

2012 ging eine von vielen möglichen Welten unter, und wir erleben gerade eine Version der Postapokalypse, denn die ganz große Filmspule hat ihr Ende erreicht. Mancherorts – also nicht in Deutschland – wird in den Jahresbestenlisten daher gerne Paul Thomas Andersons »The Master« als letzter Schluchzer ob der Vertreibung des Films aus dem Kino gefeiert. In Deutschland muss man sich noch ein wenig gedulden, bis man mit in den Chor einfallen darf, der dann natürlich längst schon beim nächsten oder übernächsten Psalm sein wird. 
Es blieben dennoch einige Möglichkeiten, Kino über Kino zu gucken. »Tabu« und »Holy Motors« zum Beispiel. Beides auch Kinofilme über Kino, die manches über unser Verhältnis zu ihm oder seinem Verhältnis zu sich selbst erzählen wollen. Zum Beispiel in welch engen Bahnen die Filme des Alltags in aller Regel verlaufen, und wie wenig Filmemacher eigentlich die Freiheit, die sie haben, nutzen. Über »Holy Motors« konnte man auch durchaus auf die Frage abheben, was eigentlich mit dem Kino passiert, wenn alles gefilmt wird, aber auch, was eigentlich mit den Stretchlimousinen passiert, wenn die Tür zugeht – also die, der Garage. 
 

Kino über Kino ging aber auch weniger um die Ecke: Einen Fluchtpunkt ins Asyl der bloßen Kulisse bot Wes Anderson mit dem sogar für seine Verhältnisse ausgesprochen nostalgischen »Moonrise Kingdom« an. Der tiefer gelegte »Drive« stellte dagegen den Schein eines überholten Angeberkinos zur Verfügung; es gibt diesen Film überhaupt nur, um ihn gut zu finden und sich mit ihm zu schmücken. Man konnte auch, wenn einem das nicht zu komisch war, beim doppelten Rückwärtssalto von Michael Haneke mitmachen und sich am ganz alten europäischen Autorenfilm aufknüpfen. Wie auch immer: Es gab 2012 zahlreiche Möglichkeiten, im Kino das Kino anzugucken – manchmal interessanter, manchmal eben nicht. 

Doch da waren auch ganz hemdsärmelige, richtige Filme. »Magic Mike« zum Beispiel. Ich fand ja auch die letzen beiden Filme Soderberghs, »Haywire« und »Contagion« sowieso, ziemlich gut, aber beides verblasst dann doch neben der Meisterhaftigkeit von »Magic Mike«. In die Kategorie »Richtiger Film« (nicht dass dieser Modus so ganz grundsätzlich etwas taugen würde, wie »Shame« bewies, oder auch jetzt gerade »De rouille et d’os«) fallen auch »Take Shelter« – wenn Michael Shannon den Tisch umschmeißt und zum Ausrasten ansetzt, war dort einer der kostbaren Kinomomente, bei denen sich der Zuschauerkörper verspannt und kurz der Atem angehalten wird – und der erstaunliche »Moneyball«: Irgendwie geht es eigentlich nur um Statistik, aber dann fängt alles an zu schweben. Allesamt eigentlich anachronistische Filme, die von Ironie nichts wissen wollen, aber von Frauen auch nicht.
Ganz anders Sono Sions nicht mehr ganz neuer »Guilty of Romance«: Der möchte den Satus quo der Domestizierung des Femininen in der japanischen Gesellschaft von allen Seiten gleichzeitig beleuchten, erzählt von Frauen, die erst noch Frauen werden müssen und tappt dabei (wie immer) in die eine oder andere Falle. Aber meine Güte: welche Kraft! Zwar mit Sicherheit kein Medaillengewinner wie »Love Exposure«, doch immer noch fantastisch grenzenlos. 
Im deutschen Kinoalltag ist nur ganz kurz Platz, aber immerhin überhaupt(!), für einen Brocken wie »Once Upon a Time in Anatolia«. Hier wird das Wenden eines Autos bei Nacht zum visuellen Ereignis. Dieser zweieinhalbstündige Klotz, der mit gewisser Erbarmungslosigkeit sein eigenes Tempo diktiert und einen vom Zeitgefühl befreit. Ein Satz, der wie nichts sonst natürlich ebenso auf Bela Tarrs trübsinnige Schauermär »The Turin Horse« passt, der wo-auch-immer angeblich einen Deutschlandstart hatte – aber »Once Upon a Time in Anatolia« hat Humor und ist in Farbe, was einen Sieg nach Punkten bedeutet.
 
Zwei Genrevollblüter bilden den Rahmen der diesjährigen Bestenliste. Oben, da steht »Looper«. Denn als ich im Kino saß, wusste ich, dass endlich jemand diesen Film gemacht hat, der schon fehlt, solange ich denken kann. Ganz unten wieder was, das eigentlich nichts in Bestenlisten zu suchen hat. »Dredd« ist ein Genrestück, bei dem das größte Glück erneut im Tempo liegt, und das meint nur bedingt die bonbonbunten Tableaus, die die Droge SLOMO ihren Konsumenten beschert, sondern überhaupt die ganze Schwerfälligkeit, mit der dieser Film vor sich hin walzt. Er strotzt vor Widerwillen, ist durchzogen von massiver Schwere und bleibt manchmal auch einfach ganz stehen, denn der Zweck seines Daseins kann ja gar nicht im Abschluss seiner Geschichte liegen. Passives Actionkino, dazu laufen Drones – und das im Cinemaxx. Halleluja. 
In ganz anderem Sinne passiv war Na Hongjins »The Yellow Sea«, mit einem für den Regisseur typischen, vom Plot vorangepeitschten, unwilligen Helden, der mehr Bock auf Wurst am Stil als auf Haue hat. Wie zwingend hier die Bewegungsvektoren Ort und Plot verbinden, kann man wohl zurzeit in keinem anderen Actionkino beobachten. 
Und sonst noch gut? Der stickige »The Deep Blue Sea«. Aber auch die manipulativen Dokus »Searching for Sugar Man« und »The Imposter«, der strenge »Bestiaire«, der unheimliche »The Innkeepers«, der extrem junge »The Color Wheel«, der verstiegene »Twixt«, der nüchterne »Cosmopolis«, der grimmige »The Grey«, der ernsthafte »The Five-Year Engagement«, der juvenile »Bellflower«, der freie »Jeff, Who Lives at Home«, der beseelte »Kauwboy«, der beruhigte »Playback«, der drollige »The Hunger Games«, der traurige »Shut Up and Play the Hits«, der frustrierte »Young Adults« und schließlich: der gute »Barbara«, aber um den dürfen sich andere Bestenlisten kümmern.

Meine Top Ten 2012 dauert 1209 Minuten, von den zehn Filmen sind sechs Filme digital gedreht, drei auf Film (davon einer auch auf 16 mm) und »The Yellow Sea« ist ein kleines Zwitterwesen, das sich zu einem Sowohl-als-auch entschied.

Die Top Ten 2012 (mit Deutschlandstart)

1. Looper (Rian Johnson)
2. Tabu (Miguel Gomes)
3. Holy Motors (Leos Carax)
4. Bir zamanlar Anadolu’da/Once Upon a Time in Anatolia (Nuri Bilge Ceylan)
5. Drive (Nicolas Winding Refn)
6. Magic Mike (Steven Soderbergh)
7. Koi no tsumi/Guilty of Romance (Sono Sion)
8. The Deep Blue Sea (Terence Davies)
9. Hwanghae/The Yellow Sea (Na Hongjin)
10. Dredd (Pete Travis)


Der Text erschin zuerst im Januar 2013 beim Affektblog.