Blasts from the Past #1: Miracle Mile

Den größten Teil kultureller Erzeugnisse kennen wir nicht. Wenn wir sterben, haben wir fast nichts von dem gekannt, was es vor uns gab und nur einen winzigen Teil von dem, was zu unseren Lebzeiten entstand – das macht nichts, solange man nicht aufhört sich zu interessieren. Blasts from the Past interessiert sich für gestern.


„Miracle Mile“ ist ein Katastrophenfilm aus, in und über Los Angeles in den Achtzigern, die Reagan-Ära und die Gefahr von Romantik: Als Harry (Anthony Edwards) und Julie (Mare Winningham) sich ineinander verlieben, kommt es zu einem Nuklearkrieg zwischen den USA und Russland – vor allem Harry muss seine Beine in die Hand nehmen und durch ein erst zu leeres, dann zu volles L.A. seinem Schicksal entgegenlaufen.

L.A. weiß schon längst um sein Ende.
Zum ersten Date mit Julie ist Harry zu spät, dadurch genau zur richtigen (also falschen) Zeit am richtigen (falschen) Ort, um einen verwählten Telefonanruf an einem Münzfernsprecher entgegenzunehmen. Am anderen Ende – die Stimme eines aufgewühlten jungen Mannes, Chip: „It’s happening! I can’t believe it but we are locked into it. Fifty minutes and counting. [...] This is really it! This is the big one!“ Dann hört Harry, wie Chip erschossen wird und jemand zu ihm sagt: „Forget everything you just heard and go back to sleep.“

„Forget everything you just heard and go back to sleep.“
Fünfzig Minuten also bis Reagan seine Atomraketen doch noch auf Russland abfeuert, siebzig Minuten bis der Gegenschlag der Russen Amerika trifft, siebzig Minuten bis die Welt, Harrys Welt, endet. Thor Arthur 66 ZZD, sagt der Film dazu. Siebzig Minuten ist auch die Zeit, die Harry nun hat, um Julie zu retten (zu verdammen), und es ist in etwa die Zeit, die der Film von diesem Punkt noch dauert: Apokalypse in Echtzeit und überwiegend zu Fuß. 
 
Lieutenant Tasha Yar
Dank seiner ausformulierten Eigenartigkeit eignet sich „Miracle Mile“ wahnsinnig gut fürs deepe Close Reading – denn jede Kleinigkeit scheint hier, wenn nicht unbedingt absichtsvoll, von welthaltiger Bedeutung zu sein: Harry sieht nachts King Vidors „Birds of Paradise“ im TV und ist USA Today-Leser; Lieutenant Tasha Yar sitzt in einem Diner und liest eine Interpretationshilfe für Pynchons „Die Enden der Parabel“; Edward Bunker taucht als Nachtwache mit einer abgesägten Schrotflinte auf, die vielleicht der Waffe ähnelt, die er für einen Überfall benutzt hat, wegen dem er im Gefängnis saß; wenn unser Held Harry sich nicht für romantisch hielte, hätte die Welt ihren Untergang verschlafen können.

Verloren, völlig verloren.
Im Hintergrund sitzt schon früh im Film eine Stewardess, die die Notfallmaßnahmen erklärt, sollte diese ganze Maschine abstürzen - ihr gegenüber sitzt niemand. Auf Harrys Frage, ob jemand einen Sohn namens Chip hätte, antwortet sie: „I had an uncle named Chet“, und noch später erfahren wir, dass sie keine Stewardess ist, sondern das Kostüm ihrer Schwester gehört. Der Film ist voller solcher Missverständnissen. Herrje, verloren, völlig verloren, aber genauso bedeutsam wie der Zufall, dass dieser Text am 20.12.2012 erscheint und morgen nicht die Welt untergeht – es sei denn, man schaut „Miracle Mile“.

Eine Möglichkeit des Endes.
Steve De Jarnatts Drehbuch war lange Zeit in den achtziger Jahren Spitzenreiter auf Hollywoods Liste der besten unverfilmbaren Drehbücher. Bis De Jarnatt nach seinem Debüt-Studioflop „Cherry 2000“ die Schnauze voll vom Warten hatte, sich die Rechte zurückkaufte und auf Independent machte. Leider verlief das bananig und De Jarnatt wurde Zweit- bis Drittligist in der Riege der eher anonymen Fernsehregisseure (wo er als Feuerwehrregisseur für „Emergency Room“ einige Jahre später Edwards wiederbegegnete – was auch immer das bedeuten mag; heute soll er an einem Roman arbeiten). Doch hat er zum Glück diesen einen kleinen großen Mystik-Film gemacht, in dem Harry Washeldo Julie Peters kennenlernt und sich augenblicklich in sie verliebt.

Lauf, Julie, um Himmels willen, lauf.

Harry erzählt uns zu Beginn: „I never really saw the big picture before, not ´til today. Love can sure spin your head around.“ Julie ist Harrys „big picture“, sie wird seine Welt, denn sie ist „the girl“. Aber der Film misstraut dieser Form von romantischem Versprechen zutiefst. Man könnte auch sagen: Der ganze Film ist ein Bild dafür, dass die Romantik des einen, den Untergang des anderen Menschen bedeutet, dass Romantik solipsistisch und narzisstisch ist. Oder wie es Harry ausdrückt: „I think I've always been a romantic kind of guy. I just never had someone to be romantic with before.“ Lauft, Julies dieser Welt, um Himmels willen, lauft und dreht euch nicht um!

Eines der Wunder: Kurt Fuller
Miracle Mile ist reich an tonalen Schwankungen, voller Eigenartigkeiten, kleinen Rätseln und Wundern. Manchmal auch daneben. Natürlich finden sich Zeichen seiner Zeitigkeit: große Mobiltelefone, gemusterter Krawatten, and all that Jazz. Aber damit wir uns nicht missverstehen: Dies ist kein Trash, der Film ist meilenweit von solch kennerhaftem Ironiekram wie „The Adventures of Buckaroo Banzai Across the 8th Dimension“ oder dem so-bad-it’s-good-Modus eines „Troll 2“ entfernt. „Miracle Mile“ hat eines der deprimierendsten Enden, die ich je gesehen habe – manchmal ist es schwierig, diesen Film zu sehen, manchmal ist es einfacher. Je nachdem wie leicht es einem gerade fällt, seine eigene Idee von Romantik zu begraben, schätze ich. Denn: Romantik ist gefährlich, führt in den (Welt-)Untergang. Das kann man ja durchaus zwischenzeitlich vergessen, gerade wenn die Welt wieder einmal nicht morgen endet und nur Mist im Kino läuft.

Leserservice: Jan-Eike Michaelis‘ völlig blinde, durch und durch romantische Liebe zu „Miracle Mile“ wurde gerade wieder befeuert, durch das neue Buch  mit gleichem Namen von Filmkritiker Walter Chaw. Ein minutiöses Essay im Stile der „Deep Focus“-Reihe, nur halt geiler, weil es um einen der besten Filme der Welt und um Leben & Tod geht. Leider gibt es bis heute nur eine hässliche DVD in beschnittenem 4:3 und De Jarnatt klagt über die verwickelte Rechtesituation bei MGM, die alles verhindert. Zum Beispiel eine heiße BluRay im korrekten Format, lieber Weihnachtsmann. 






Der Text erschin zuerst im Dezember 2012 beim Affektblog.