TO SPOIL OR NOT TO SPOIL

Dieser Text enthält Spoiler zu Star Wars – The Empire Strikes Back, Planet of the Apes, Game of Thrones (1.Staffel), The Usual Suspects, The Sixth Sense, Fight Club, Citizen Kane, Schuld und Sühne, Saw und Harry Potter and the Half-Blood Prince.


Wenn ich an Spoiler denke, schießt mir als Erstes eine Folge der Simpsons in den Sinn: Homer kommt aus einem Kino, im Hintergrund tönt die Star Wars-Fanfare, er geht an einer Schlange von wartenden Kinogästen vorbei und sagt ungefähr: „Was für ein Ende! Wer hätte gedacht, dass Darth Vader Luke Skywalkers Vater ist?“ Und alles buht. Wir kennen das natürlich, dass uns ein Film versaut wird, weil wir schon im Vorfeld erfahren wie er endet. Dabei geht es meist um Plotdetails, die einen Twist betreffen: Dass der Planet der Affen eigentlich die Erde der Zukunft ist, dass der Erzähler und Tyler Durden eigentlich dieselbe Person sind, dass Dr. Malcolm Crowe eigentlich tot ist. Dinge also, die die bisherige Geschichte in einem anderen Licht dastehen lassen.

In der Regel weiß jeder, dass man sich nicht wie Homer Simpson verhalten darf und nicht am Kinoausgang das Ende der Geschichte heraus posaunen sollte. Das Kino selbst hat es uns schon lange gelehrt – in Clouzots „Les Diaboliques“ von 1955, nur zum Beispiel, wird sich am Ende direkt ans Publikum gewandt: „Ne soyez pas DIABOLIQUES!“ und „Ne leur racontez pas ce que vous avez vu.“ – Seien sie nicht teuflisch! Sagen Sie ihren Freunden nicht, was Sie gesehen haben.


Clouzot ging es um die Freude am Rätsel, dem Mitfiebern und vor allem auch: ums Sehen. Ein Spoiler nimmt mir angeblich die Möglichkeit, etwas zu sehen, von dem ich vorher nicht wusste, dass ich es sehen werde. Wenn ich eine Information zu viel habe, werde ich alles anders sehen. Dabei muss es gar nicht um das tatsächliche Bild gehen, die Worte „Darth Vader ist der Vater von Luke Skywalker“ haben im Auge des Spoiler Alert den gleichen Sinn, wie sich den Film „The Empire Strikes Back“ anzusehen.

Die Idee des Spoiler scheint demnach ein spezifisch filmisches Ding zu sein. Man denke nur an die jahrhundertlang gängige Praxis, in den Kapitelüberschriften eines Romans, die Handlung des folgenden Kapitels zusammenzufassen: „Kapitel 12 – In dem Luke Skywalker erfahren wird, dass Darth Vader sein Vater ist.“ Es herrscht daher auch ziemliche Einigkeit darüber, dass es natürlich dumm wäre, „Schuld und Sühne“ nicht mehr zu lesen, nur weil man schon vorher weiß, dass Raskolnikoff sich aus Schuldgefühlen selber der Polizei stellen wird.

Im Film scheint das nicht zu gelten. Aber das Kino hatte auch viele Jahrzehnte Zeit, eine angemessene Praxis für den Umgang mit Plotinformationen in den Peripherien außerhalb des Kinosaals herauszubilden. Für die ortlosen Diskussionen des Internet – in Filmreviews, Podcasts, Foren und Social Networks – brauchte es ein neues Instrument: Welcome to Spoiler Territory.


Der Spoiler beschreibt in erster Linie ein Kommunikationsproblem. Dem altehrwürdigen Filmrezensenten, sagen wir des „Augsburger Anzeiger“ oder der „Ostfriesen Zeitung“, wäre es natürlich niemals in den Sinn gekommen, in einer Filmrezension die Auflösung eines Krimi-Plots konkret auszuformulieren, weil er am nächsten Tag an der Käsetheke im Supermarkt keinen Käse sondern Haue bekommen hätte. Aber nicht jeder Film ist bloß Rätselspaß, und vielleicht hätte unser vegetarischer Kritiker von Rang und Namen darauf hingewiesen, dass „Rosebud?“ nicht die entscheidende Frage von „Citizen Kane“ ist.

Der Spoiler ist ein hysterischer Reflex auf den ungerichteten Informationsfluss des Internets, bei dem Autor und Leser, Kritiker und Zuschauer, Troll und Fan laufend ihre Rollen tauschen und eben jener bedachtsam abwägende Verfasser, der eine ziemlich genaue Vorstellung von seinen Lesern hat und verantwortungsvoll mit der Informationsverteilung jongliert, mindestens in der Unterzahl ist. In den Kommentarfunktionen werden alle zu Homer Simpsons, die kurz reinrauschen, sagen: „OMG!!!11 Ned Stark died. WTF?!“ und wieder raus sind aus dem Spiel und der Verantwortung.

 
Der Reflex und Wunsch, das tausendzüngige Geflüster im Netz unter Kontrolle zu bringen, ist natürlich völlig bekloppt, geradezu wahnsinnig, weshalb die Praxis des Spoiler Alert durchaus neurotische Züge annimmt. Und zwar in dem Moment, in dem es nicht mehr darum geht, sein Hirn vor dem Eindringen eines spezifischen Bedeutungs-Splitters zu schützen, wie zum Beispiel dass Kint Soze ist, sondern um den Anspruch, völlig ohne Vorwissen an seinem Filmdrops lutschen zu wollen. Vor dem Hintergrund, diesen Anspruch zum Normalmodus zu erklären, ist Spoiler-Politik ein ideologisches Instrument geworden. Gewachsen aus einer solipsistischen, egozentrischen und kindlichen Geisteshaltung, die nur „ich, ich, ich“ kennt. Eine Spoiler-freie Zone ist in ihrer extremsten Ausprägung eine Zone der Bedeutungslosigkeit, in der die Leere mit Meinung gefüllt wird.

Ein Spoiler-Hinweis bedeutet nun zwei Sachen:

(1) Du bleibst das Kontrollzentrum deiner Welt, lieber Leser.

=> (2) Dies ist kein Spaß, denn das Spiel ist aus.

Was eigentlich den Spaß bewahren soll, wird zum Unterdrücker. Aus dem postmodernen Spiel der Zeichen wird ein Spiel der Macht, und das ist der Moment, in dem das Spiel aufhört, ein Spiel zu sein. In dem Moment, in dem die Idee des Spoiler Sprache und damit Denken kontrolliert, wird Gewalt ausgeübt. Die Spoiler-Hinweise am Anfang dieses Textes sind ein dubioser Freifahrtschein, der mich von der nötigen Sensibilität hinsichtlich des besprochenen Gegenstands „befreit“. Jigsaw ist der Mann, der in der Mitte des Raums liegt und gar nicht tot ist. Ich glaube nicht daran, dass die binäre Struktur der Spoiler-Warnung eine dauerhafte und gangbare Lösung ist bzw. dass es überhaupt ein Problem gibt, das gelöst werden muss.

Das vermeintliche Problem besteht darin, dass der Spoiler Alert eine verklärte Sehnsucht nach dem Bewahren eines authentischen, originären Erlebnismoments formuliert. Man möchte wie das neugeborene Jesuskind durch die Welt schreiten, man möchte den mystischen Moment der Namensgebung nachvollziehen und seine eigene Apotheose erfahren. Der Held stirbt nur für mich. Ich möchte die Bestätigung dafür, dass „Ich“ auch wirklich weiterhin „Ich“ bleibt und dass die Erde zwar möglicherweise um die Sonne kreist, aber die Sonne eigentlich um mich. Fuck you, Homer Simpson, George Lucas hat Star Wars für mich geschrieben!

Gleichzeitig möchte der Spoiler-Vermeider, dass diese Sehnsucht von der Welt geteilt wird, was logischerweise unmöglich ist, weil sonst alle verstummen müssten. Probiert wird es trotzdem. Embargos, also Sprech- und Schreibverbote nutzen auf perfide Weise diesen Willen zum Schweigen aus. Als zum Beispiel der endlos schlaue und ein wenig gruselige Steven Moffat Showrunner bei „Doctor Who“ wurde, war ihm durchaus bewusst, dass Embargos und Verbote eher unsympathisch wirken. Er löste dieses Problem auf nahezu großväterlich-altbackene Weise, indem er sich den Tarnmantel der gutmenschlichen Spaßkanone überwarf und bei Vorab-Screenings die Presse halböffentlich darum bat, sein Vertrauen in sie nicht zu enttäuschen und den Fans und Zuschauern doch bitte nicht ihren (wohlverdienten) Spaß zu verderben – denn schließlich solle es darum am Ende jedem gehen: Dies sind Dinge in the name of Freude. Don’t spoil it. Das aufgemachte Panorama funktioniert, Moffat bleibt Platzhirsch am Informationsgefälle, die Übrigen beobachten sich gegenseitig, niemand will der erste Spielverderber sein. Dabei wäre ein Rohrkrepierer wie Moffats Episode „Let’s Kill Hitler!“ eigentlich Grund genug.

 

Don’t spoil the fun – so einfach ist es natürlich nicht. Interessanterweise finden häufig die ärgsten Grabenkämpfe um Spoiler in Bereichen der Mythenproduktion statt, bei denen wir uns Geschichten erzählen, die wir eigentlich schon längst kennen. Denn natürlich muss Dumbledore als anständiger Mentor in die ewigen Jagdgründe eingehen und mit Obi-Wan und Yoda rumhängen, sonst wäre Harry Skywalker einfach kein Held. Dennoch wollen wir uns den Spaß nicht nehmen lassen, denn schließlich dreht sich jeder für immer um sich selbst. Selbst beim 20. Mal: „Ich bin dein Vater, Luke.“


Am Ende lässt sich Spoiler-Politik vielleicht am ehesten als Wucherung der „Tyranny of Narrative“ verstehen, wegen der Steven Soderbergh u.a. das Filmemachen sein lässt. Das meint: Plot ist das A und O, immer, für jeden. Eine hanebüchene Auffassung, die genauso Kokolores ist, wie die Vorstellung, dass wir in den „Oughties“ alle Formalisten sind, die sich nur noch für das „Wie“ und nicht mehr für das „Was“ interessieren. Zwischen diesen Polen bewegt man sich zur Zeit, aber: To spoil or not to spoil, kann keine relevante Frage für die nächsten zum Beispiel hundert Jahre sein. Da wird man ja sonst beknackt von. Zum Überleben wichtig ist: Es kann keinen Spoiler geben. Deal with it.

Der Text erschin zuerst im März 2013 beim Affektblog.