Die größte Leinwand Englands

Wenn man in London unterwegs ist, gibt es in der Regel sehr viel zu tun. „Ins Kino gehen“, sollte mit auf die Liste. Entweder, nur zum Beispiel, pflanzt man sich auf ein Sofa im Aubin Cinema in Shoreditch oder besucht eine der vielen Spezialvorstellungen im British Film Institute oder... man tut sich den Gefallen und steuert das IMAX-Kino vom BFI an – die größte Leinwand Englands.

Für mich im Vorfeld ein fast mythologisches Erlebnis, machte sich anfangs ein klein wenig Enttäuschung breit: Von außen betrachtet, gibt das Gebäude ja nicht viel her. Nur ein weiterer anonymer moderner Kasten, in diesem Fall rund - Multiplex-Ketten oder anderen Veranstaltungsorten nicht unähnlich. Und auch der Einlass macht wenig Eindruck. Etwas zurückgenommener als Cinemaxx & Co., weisen nur einzelne Plakate und hier und dort angebrachte BFI-Logos über die Beliebigkeit des Ortes hinaus. Auf dem Weg in den Kinosaal schleicht man an einer unaufgeregten Plakette vorbei: 

This cinema was opened by His Highness The Prince of Wales. 

Aha! Hier sollte es nun passieren: Der etwas mehr als durchschnittliche Mission Impossible 4 sollte für meine Begleitung und mich Testobjekt, Laborratte & Wahrnehmungsexperiment sein.

Was ist IMAX? Diese Frage stellten mir im Vorfeld einige, denen ich von meinem verruchten Plan erzählte, extra dafür nach London zu fliegen (was glatt gelogen war – Kisses, my dear), denn hier in Deutschland gibt es ja kein anständiges Imax-Kino (was in a way stimmt). „Nun“, antwortete ich für gewöhnlich, „dafür wird ein 70mm-Film horizontal statt, wie gewöhnlich, vertikal durch die Kamera gezogen, weshalb jedes Filmbild fünfzehn statt vier (oder fünf bei herkömmlichen 70mm-Filmen) Perforationslöcher groß ist und man so mehr Details und ein größeres Leinwandbild bekommt, ne? Aber die machen nur manche Sequenzen mit dem Format, weil der Film halt viel schneller durch die Kamera transportiert werden muss und dadurch halt alles viel anfälliger wird. Und hier in Deutschland sind alle Imaxe digital und in Amerika mittlerweile auch einige, und bei denen spricht man dann auch von LieMax, aber in London haben die noch ein echtes, also ein analoges. Und von denen gibts nur ca. 90 auf der Welt und bei denen läuft auch der eine Prolog zu „The Dark Knight Rises“, der läuft in den LieMax-Kinos nicht, weil Christopher Nolan das halt nicht will. Aber in London wohl.“ Meistens hat dann keiner mehr weiter nachgefragt.

Und, was soll ich sagen? Weiß der Hund, ob die jetzt 70mm-Film benutzen oder doch eh alles digital ist. Bei einer Leinwand mit einer Höhe von über 20 Metern und einer Breite von 26 Metern ist das alles egal. Denn schließlich und letztendlich geht es hierbei um Überwältigung. Ob man das in Zahlen oder irrem Gekicher ausdrückt, bleibt jedem selbst überlassen. Ich kann nur empfehlen, es bei Gelegenheit auszuprobieren. Was IMAX ist? Es ist eine Marke an die bestimmte technische Spezifikationen geknüpft sind und tatsächlich der beste Weg um die Form von Kino zu genießen, die sich selbst in der Tradition des „Showmanship“ versteht – also das profi-professionelle Hollywoodkino a la Brad Bird und Christopher Nolan. Die Tiefenwirkung ist immens, die kinetische Kraft massiv und das nur, weil man vor einer sehr, sehr, sehr großen Leinwand sitzt. Alles ganz einfach, alles ganz gewaltig. Da ist keine Magie am Werk, sondern ein sorgfältig austariertes Kino-Dispositiv, in dessen Dimensionen das Material des eigenen Körpers positioniert werden will. Ob man dafür den Transport in einem Flugzeug in Kauf nehmen will, ist eine rein subjektive Frage auch der persönlichen Ökonomie – alles was man dafür bekommt, ist ein Blick, der durch keinen anderen Weg zu erhaschen ist. Darin liegt wohl auch der Grund, warum dieses Format gerade eine Renaissance erlebt. Es ist nicht pureres, sondern größeres und lauteres Kino, das ob seiner schieren Darstellungswut, niemals den Weg in die eigenen vier Wände finden wird. Es ist dort draußen und es kann einen zum Staunen bringen.


Der Text erschien im Februar 2012 beim Affekt-Blog.