Lucio Fulci – Die Perspektive, die ich meine




Es geht um die Perspektive. Immer. Die Horrorfilme des (und hier stimmt’s einmal) kultigen Regisseurs Lucio Fulci waren vor allem für das absurde Ausmaß an explizit dargestellter Gewalt bekannt. Eine Distinktionskoordinate, die ebenso moralische Reflexe befeuerte, wie der Sicherung von Schulhofhierarchien diente. Affekte eben. Auch „The Beyond”, „House by the Cemetery” (beide 1981) und „Lizard in a Woman’s Skin” (früher) sind voller eigenartiger, anti-subtiler Filmgewalt. Das muss als Abschreckung, Warnung, Versprechen oder Verheißung genügen. Mehr wollen wir uns damit hier nicht aufhalten (von wegen!). Das machen andere schon seit Jahrzehnten. 



Wenn man diese drei Filme heute besucht – denn Filme sind Orte, was ja viele tatsächlich gar nicht wissen, aber davon beizeiten mehr –, fallen verschiedene Dinge auf:

1.  Ja, natürlich, das Gore. (Und damit stecken wir auch schon knietief drin.) Also die filmbluthaltigen Effekte, die sich als solche deutlich zu erkennen geben. Sie besitzen für das Auge von 2011 eine ganz eigentümliche Physis, die völlig entgegengesetzt zum pixelgenau gelenkten Computerblut steht. Natürlich hat diese Physis wenig mit der gemeinten Realität zu tun, aber sie irritiert in ihrer vulgären Hinkebeinigkeit doch erheblich unsere zeitgenössischen, vor allem am korrekt Simulierten geschulten Sehgewohnheiten.

2. Zumindest Beyond und Cemetery sind immer noch verdammt unheimlich!

Und an dieser Stelle am interessantesten:
3. Sie ergeben keinen Sinn! Und das ist fantastisch! Und das ist die Perspektive, die ich meine.
In „The Beyond“, einem von Fulcis bekanntesten Filmen, will eine junge New Yorkerin ein altes, verfallenes und leerstehenes Hotel in Louisiana wiedereröffnen. Bei den Renovierungsarbeiten wird – aufgepasst – nicht weniger als das Tor zur Hölle aufgestoßen, in welcher die Beteiligten am Ende auch unweigerlich landen werden. Das ist die noch am ehesten schlüssige Kausalkette der Erzählung. Denn ansonsten stellt Fulci seinen Film voll mit Horrorfilmklischees, wie mystischen Büchern (das Buch „Eibon“, ein kruder und in die Leere zielender Lovecraft-Verweis), sehenden Blinden, blinden Sehenden, Killer-Taranteln, Besessenheiten und einer durch und durch obligatorischen Prise Zombies (für die, so heißt es, sich die deutsche Produktionsfirma stark gemacht hätte, da hier der Zombie-Hype noch immer nicht vorbei war). Also womöglich alles bloß abgekartete Geldmacherei? Vielleicht. Egal. Denn das Ergebnis dieser Collage ist eine (alb-)traumartige, ziemlich sinnlose, aber äußerst stimmungsvolle Bewegtbildfolge. Man kann sich bemühen, sich drehen und wenden: sinnvolle Zusammenhänge ergeben sich keine, Erklärungen bleiben aus. Unverständnis macht sich breit und bereitet den Nährboden zum Abdriften und schreckhaftem Zusammenfahren. 


Etwas reduzierter verfolgt Fulci auch mit „House by the Cemetery“ die Strategie des Unsinns. Im Kleinen. Ein Monster lebt hinter verschlossener Tür, im Keller eines alten, verfallenen und leerstehenen Hauses. Des Nachts kriecht es heimlich heraus, um seinen Blutdurst an den neuen Bewohnern zu stillen. Es hat besonderes Geschick, was Türschlösser angeht und einen Namen: Dr. Freudstein. Alles klar? Wieso sich die Menschen und Monster so verhalten wie sie sich verhalten, kann trotz aller Gelehrtheit nicht gesagt werden. Wie bestimmte Dinge an gewisse Orte gelangt sind, bleibt unklar. Aus welchen Gründen und ob überhaupt aus Schaufensterpuppen lebendige und in ihren Motiven etwas undurchschaubare Kindermädchen werden, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Und was es mit dem, den Film wichtigtuerisch abschließenden Henry James-Zitat auf sich hat, steht in den Sternen. Doch die Affekte sitzen. 



An einer Stelle geht eine junge Frau eine unheimliche Treppe hinunter. Mehr braucht es nicht. Fulci benutzt für ihren Abstieg eine komplexe Folge von Einstellungen, Schwenks und Zooms, löst alles in Perspektive auf, die er mit sagenhaften dreizehn Schnitten gegeneinander ausspielt und an dessen Ende erst mal nur ´ne Tür zugeht. Und ich spring hinter die Couch (wenn ich eine hätte). Und noch ist gar nichts passiert. 



Bei Fulci kann man sich damit anfreunden, dass die Dinge manchmal keinen Sinn ergeben und dass das nicht so schlimm ist. Wer nach diesen beiden Streifen noch Bock hat, probiert es mit seinem früheren „Lizard in a Woman’s Skin” von 1971. Sieht fantastisch aus, ist hier und da aber doch Geduldsprobe, denn der Wille zum Unsinn ist noch nicht ungebrochen. So sollen hier, etwas forcierter als bei Cemetery, psychoanalytische Allgemeinplätze (u. a. ol‘ dirty Traumdeutung) einen Krimiplot bedeutsam machen, der dem Zuschauer eigentlich nur soft-pornografische 60s-Psychedelik unterjubeln will. Flaschenpostmäßig. Geht allerdings dann doch nicht ganz auf. Eigentlich gar nicht. Was ja das Gute ist – aus der richtigen Perspektive gesehen.   

Lucio Fulci begann in den 50ern in Italien als Drehbuchautor, drehte sowohl (Sex-)Komödien als auch Italo-Western und Thriller (etwas später auch Giallos), bis er 1979 mit „Zombie 2“ (bzw. „Zombie“, „Woodoo“, „Island of the Living Dead“, u.a. - Namen sind besonders bei geschmäcklerischen Grenzgängern des Horrorfilms Schall & Rauch) auf die von George A. Romero losgetretene Zombiefilm-Welle aufsprang. IMDb listet 56 Regisseur-Credits. Ein Arbeiter, der es gewohnt war mit kurzer Drehzeit und wenig Geld auszukommen.

Der Text erschien im August 2011 beim Affekt-Blog.