Die Digitalisierung schlägt um sich. Geschenkt. Roger
Deakins (Kameraobermotz, z. B. „No Country for old Men“) hat gerade verkündet,
dass die neuen digitalen Filmkameras von ARRI „simply better“ sind als ihre analogen Artverwandten. Die aktuellste 3D-Welle hat ihr Ziel
erreicht und dafür gesorgt, dass sämtliche Kinoketten nun mit digitalen Beamern
ausgestattet sind. Die Zeit ist reif, dass sich auch die letzten Kinos ihrer alten
Projektoren entledigen und diese Dinosauriertechnik endlich auf dem örtlichen
Schrottplatz entsorgen (,wo wir sie dann nachts rausholen und nach Hause
bringen können!)
Man muss dazu sagen, ich verdinge mich als Filmvorführer.
Eine vom Aussterben bedrohte, nennen wir es Zunft. „Vom Aussterben bedroht“ ist
natürlich so ziemlich alles und jeder und so soll es auch hier bloß als billiger,
wichtigtuerischer Kniff dienen (so ähnlich wie „verdingen“ und „Zunft“), auf
keinen Fall aber als Einstieg auf den Abgesang des Niedergangs. Es ist bloß so,
dass ich z. B. meinen möglichen Nachkommen nur unter dem Aufbringen größeren
heimwerkerischen Geschicks (ein Diorama wird es sein) zu erklären imstande sein
werde, wie ich in meinen Zwanzigern die Kohle rangeschafft habe. Weil sie das
Prinzip nicht mehr kennen werden. Dass das auf der Leinwand nur Schatten sind.
Dass ein sehr helles Licht durch einen sehr schnell transportierten
Filmstreifen scheint. Dass das sehr laut ist. Dass die Körnung im Bild einfach
(erst einmal) die Folge sehr starker Vergrößerung ist. Dass da ganz viele
Bilder sind. Dass diese Bilder tatsächlich da sind. Dieses über einhundert
Jahre alte Prinzip. Wir Kinder des Korns.
Was in Zukunft nie wieder passieren wird:
- Habt ihr schon mal gesehen, wie Film verglüht
ist? Wenn aus irgendeinem Grund der Film nicht mehr weiter durch den Projektor
gezogen wird und vor dem Bildfenster stehen bleibt, ist die Hitze des Lichts so
groß, dass das Material auf der Stelle und äußerst farbenfroh zerschmilzt. Das
sieht wunderhübsch aus und hat gleichzeitig ziemlich beunruhigende Auswirkungen
auf die Diegese. Brennende Köpfe. Wenigstens für zwei Sekunden. Bis man als
Zuschauer die unterschiedlichen Zeichensysteme wieder auf der Pfanne hat.
- Habt ihr schon mal gesehen, dass ein Film just
anfing, rückwärts zu laufen? Dann hat der Vorführer die Akte des Films falsch
gekoppelt. Oder in einer Variation: „Dark Knight“ sollte in dem Kino, in dem
ich arbeite in der Originalsprache laufen. Der letzte Akt war dummerweise auf
Deutsch, was einen drastischen Effekt auf das Kinoerlebnis hatte (wieder
purzeln kurz Zeichensysteme durcheinander). Das Publikum war angemessen
gepisst. Da kann man sich als Vorführer eigentlich nur noch verstecken.
- Habt ihr schon mal Kratzer, Laufstreifen und
Brandlöcher im Film gesehen? Hattet ihr schon mal den Eindruck, dass Anfang
oder Ende ganzer Szenen fehlten? Das ist die Zeit, die sich in den Film
einschreibt. Das ist etwas, was Zuschauern zunehmend schwerer fällt zu
akzeptieren: Dass sie immer nur EINE VERSION des Filmes zu sehen bekommen. Jede
Vorführung einer Filmkopie nutzt diese ab. Der Grad der Heftigkeit
unterscheidet sich von Woche zu Woche, aber auch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.
- „Es tut mir Leid, aber da kann ich nichts für.
Wir haben den Film so bekommen. Da kann man leider nichts machen. Ja, er ist
wirklich ziemlich zerkratzt. Möchten Sie stattdessen vielleicht ein Getränk?“
Womit man in Zukunft wohl rechnen darf:
- Für die Wiedergabe dieser Datei ist ein Codec
erforderlich. Klicken Sie auf "Webhilfe", um zu ermitteln, ob dieser
Codec als Webdownload verfügbar ist, wenden Sie sich an einen zuständigen
Techniker oder fragen Sie einen Freund.
- Der schwere Ausnahmefehler 0E ist an Adresse
0028:XXXXXXXX in der VXD-Datei SYMEvent(02)+XXXXXXXX aufgetreten.
- „Es tut mir Leid, aber da kann ich nichts für.
Wir haben die Datei so bekommen. Da kann man leider nichts machen. Mir fehlen
die Zugangsrechte. Möchten Sie stattdessen vielleicht ein Eis?“
Was auch zunimmt, ist die Häufigkeit der Beschwerden wegen
eines unscharfen Bildes. Und das bringt einen zu dem Gedanken, dass es wirklich
und wahrhaftig langsam an der Zeit ist, dass die analoge Kinotechnik abgelöst
wird. Denn das Bildkorn ist nicht mehr zeitgemäß. Unser Sehen hat sich an
ultrahochauflösende Displays, an die porentiefe Kristallklarheit altargroßer
Monitore gewöhnt. Man kann sagen: Unsere Augen haben eine neue Informiertheit
bezüglich der Bildmaterialität erlangt. Dieses Wissen erzeugt eine Erwartung,
die die herkömmliche 35mm-Filmprojektion nicht erfüllen kann. Selbst ein
perfekt gewarteter Kinoprojektor erzeugt immer noch eine andere Bildschärfe als
digitale Bildmaschinen. Nämlich eine Schärfe des Korns und nicht des Pixels. Die
Schärfe des Korns wurde bereits relativ umfassend aus unserem Alltag verbannt.
Warum sollte vor dem Kinosaal halt gemacht werden? Oder anders: Das Bildkorn
ist längst kein indexikaler Charakter – kein
Realitätssubstrat – des fotografischen Bildes mehr, sondern eine
Störung, eine Irritation. Weg damit!
Bisher hat sich gerade die deutsche Kinolandschaft (durchaus
auch unfreiwillig und Kinoketten ausgenommen) recht erfolgreich (was auch immer
das in diesem Zusammenhang heißen mag), gegen eine umfassende Digitalisierung
der Kinosäle gewehrt. Das ist langsam vorbei und spätestens in drei Jahren wird
35mm die Ausnahme sein. Zumindest im Kinoalltag. Darüber muss man nicht jammern. Man sollte aber registrieren,
dass es etwas bedeutet. Für mich wird es bedeuten, dass ich keinen Film mehr in den
Händen halten werde. Was ich schade finde. Gerade weil ein Filmstreifen ein so
guter Weg ist, das dann doch abstrakte PRINZIP FILM zu berühren, anzufassen. Ich
kann übrigens berichten, dass sich ein Film wie, nur zum Beispiel, „Melancholia“
anders anfühlt, als, na, sagen wir „Maria, ihm schmeckt‘s nicht“. Man behandelt
sie auch unterschiedlich (das sollte man nicht, ich weiß). Diese Filme stehen
oder standen in Räumen, auf Spulen gewickelt, wartend und wenn man sich nicht
sicher war, ob es sie wirklich gibt, konnte man hingehen und sie anfassen.
Damit hat sich’s bald.
Denn Digitalisierung ist eben immer auch
Entmaterialisierung. Klingt nach Star Trek. Ähnlich „Beamer“. Und eine weitere
Anomalie wartet auch schon hinter der nächsten Ecke. In Form einer Störung des
Raum-Zeit-Kontinuums, das durch die Abwesenheit von Videotheken ausgelöst wird.
Um diese verlässlichen Schandflecke einer jeden Kleinstadt bzw.
Distinktionstempel der Großstadt wird es früher oder später auch geschehen
sein. Eigentlich eher früher als später
Der Text erschien im November 2011 beim Affekt-Blog.


