This Mess We're All In Now

Dieser Text enthält keine Spoiler zu „Prometheus“.
Auch wenn wir in Deutschland noch bis August auf „Pometheus“ warten müssen: Das ganze Geschnatter in den überregionalen Zonen des Interwebs findet jetzt statt. Entziehen kann ich mich dem kaum. Doch soll es darum an dieser Stelle noch gar nicht gehen – erst mal etwas anderes. Hier gab es von mir bereits viel Vorfreunde und wenig Misstrauen gegenüber Ridley Scotts Alien-Prequel, das keines sein will, aber doch eines ist. Und hier gab es die Enttäuschung. Eine kurze Selbstbeobachtung.

Was war eigentlich passiert? „Alien“ ist ein Film, der mich schon einen langen Teil meines Lebens begleitet und mir sehr nahe ist; und die Fortsetzungen habe ich zumindest, im Gegensatz zu den „Alien VS Predator“-Filmen, nie ignoriert. Erwartungen hatte ich also. Und ja, ich bin mit „Star Wars“ und „Star Trek“ aufgewachsen, habe mich aber eigentlich nie als typischer Fanboy gesehen; das ganze „Ich liebe den Text mehr, als es sein Urheber tut und habe deswegen immer mehr Recht als George Lucas“-tum, das Misery-Syndrom wenn man so will, war mir immer zuwider. Und doch bin ich in meiner Reaktion auf ein Screening von Prometheus einem reinen Reflex verfallen – da sagt Facebook natürlich: „Recht schönen Dank und hier lang, bitte. Jetzt aber schnell, schnell.“

Dabei wollte ich doch was ganz anderes.
Der Effekt eines solchen Auswurfs, der eher aus dem Reptilienteil meines Hirns kam, lässt sich dann aus den Kommentaren ablesen. Z. B. von El Darko, der schreibt „Man und ich hatte mich voll auf den Streifen gefreut...“ oder Matthias J.F.: „Da vergeht einem ja so richtig die Lust.“ Dabei möchte man das ja gar nicht. Denn man liebt das ja. Das Kino. Und Science-Fiction. Science-Fiction-Horror und der ganze Unsinn. Bei niemandem möchte man Freude durch Gram verderben oder die Lust zum Gehen bewegen. Ganz im Gengenteil: Natürlich wurde mein Reflex aus dem Wunsch nach Austausch und Diskussion befeuert. Nur eben in dem verkrampften 2010s-way-of-life. Ungefähr einmal im Jahr kommt dieser eine Hollywood-Film, zu dem alle eine Meinung haben (sollen). 2009: „Avatar“, 2010: „Inception“, 2011: „The Tree of Life“, 2012: „Prometheus“? Vielleicht – der springende Punkt ist, dass in jedem Fall der Diskurs spannender war, als der Film. Deswegen ist auch „nicht gucken“ keine Möglichkeit, es muss immer „ja, sehen“ heißen. Empfehlungen kann es nicht geben.

Für mein Gefühl hat allerdings bei „Prometheus“ die „Buzz“-Schraube noch eine weitere Drehung erfahren, es gab eine weitere Verschiebung Richtung Nicht-Film. Bereits vor Filmstart wurde seitens der Fans (in spe) fleißig partizipiert; das griff natürlich nur auf, was „Prometheus“ mit seiner verspielten Vermarktungskampagne angeleiert hatte, denn schließlich war das Vermarkten schon bei „Alien“ eine der Spezialitäten von Werber Ridley Scott. Kritiker Glenn Kenny versucht sich in einer Nachbetrachtung, seines Besuchs der „Alien“-Premiere von 1979 zu erinnern: „It's difficult to really formulate, in one's memory, just how that quality we now know as ‘buzz’ was generated in the days before this mess we're all in now [...].” This mess. Ja, richtig. This mess we’re all in now.

Irgendwo zwischen Prequel-Irsinn und Internet-Buzz, Franchise-Mythologie und Erwartungshaltung geht der Film „Prometheus“ verloren. Und das ist, was frustriert. Was frustriert, ist dass es so schwer wird, an die Bilder zu kommen, zu ihnen durchzudringen. Wir können sie nur sehen und gleichzeitig nicht-sehen. Der Film ist nicht tot, aber er ist verdeckt. Ich hätte schreiben müssen: „Das Drehbuch von Prometheus ist so scheiße! Das hat alles versaut!“ und damit wäre rein gar nichts gesagt über das, was da auf der Leinwand läuft. Denn die Kategorien verschieben sich, und alles, was ich gesagt hätte, wäre: „Schau her, ich erwarte ein Drehbuch mit Logik, Geschlossenheit, dem ganzen Dramaturgie-Blablabla. Und einen Film.“ Doch Erstes braucht er nicht und Zweites ist er nicht.
Denn „Prometheus“ ist kein Film, sondern ein offener Text. Er franst in alle möglichen Richtungen aus, ist immer kurz vor dem Auflösen. Er kann Kohärenz nicht gebrauchen, versteht nicht, wofür das gut sein soll. Er muss offen sein, damit das „Davor“ und das „Dahinter“ mit ihm selbst zu einer Ebene werden. „Stichwortgeber“ würde noch von einem falschen Kausalzusammenhang zwischen Diskurs und Text ausgehen, denn „Prometheus“ ist gleichzeitig Symptom wie Ursache. Der Trailer ist nicht weniger wichtig, als der Film. Er ist ein Delay, das sich selbst befeuert.

Und das ist this mess we're all in now. Und man kann bloß Teilhaben, um das auszuhalten. Das oder sich Entziehen: Daher rührt auch die „Ich gucke keine Trailer mehr“-Neurose, das ganze „Ja, keine Spoiler oder ich mach‘ dich fertig.“ Diese ganzen Zwangshandlungen. Ein Text, wie dieser. Besser, man geht ins Kino und guckt mit zwei anderen im Saal eine Hitchcock-Retrospektive. Meinen Facebook-Post habe ich gelöscht, denn vom Teilhaben möchte ich niemanden abhalten – wir müssen ja noch aushalten, so lange, bis es wieder um was geht.
Die tollen Filmplakate stammen von jemandem, der/die sich Midnight Marauder nennt. Die meisten sind entstanden, bevor der Film im Kino war. Ob sich Midnight Marauder die Mühe auch gemacht hätte, wenn er/sie den Film vorher gesehen hätte? Und ist das wichtig? 

Der Text erschin zuerst im Juni 2012 beim Affektblog.