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| Will keiner sehen: »The Bed Sittin Room« |
Als ich zum ersten Mal bewusst
einen Richard Lester-Film gesehen habe, war es ähnlich wie zum ersten Mal Sonic
Youth hören: Oh ja, da ist was Gutes, aber das wird noch überlagert. Ein
Ausdruck, dem man sich annähern möchte, weil er zu einem spricht. Etwas, das
man bald gut kennen möchte. Und etwas, das bisher gefehlt hat.
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| It’s all about the zany. |
Ich weiß meistens nicht, warum jetzt. Wieso ausgerechnet jetzt Lester? Keine Ahnung, mit Lester befindet man sich auf jeden Fall nicht in im Zentrum irgendeiner Debatte, und vielleicht reicht das ja schon – der Schnatterfaktor um Richard Lester ist relativ gering. Ihn umweht eher Stille. Bei Sonic Youth und mir war das ähnlich: Sie waren eigentlich vorbei, als ich anfing, sie gut zu finden, aber sie waren auch noch nicht vorbei genug, um wiederentdeckt zu werden. Lester war und ist so vorbei, wie einer der vielen öden fünften Beatles nur vorbei sein kann: Nie richtig weg, aber bestimmt auch nicht ganz da.
Richard Lester ist gebürtiger Amerikaner, begann seine Karriere aber im britischen Live-Fernsehen. Das Interesse fürs Kino kam wegen der Möglichkeit eines zweiten Takes, wie er selbst sagt. Den Kurzfilm »The Running Jumping & Standing Still Film« (1960) drehte er mit Freunden (z.B. Peter Sellers) eigentlich nur, um sich mit der Filmkamera vertraut zu machen, aber, hey, es waren die Sechziger, und er bekam eine Oscar-Nominierung. Über diesen Kurzfilm wurden die Beatles auf ihn aufmerksam und sie engagierten ihn für »A Hard Day’s Night« (1964), dank dem Lester nachträglich zum Erfinder des Musikvideos erklärt wurde. Eine für ihn zweifelhafte Ehre, der er sich bis heute tapfer widersetzt. Denn obwohl seine Filme vor krudem Humor teilweise übersprühen – der Mann meint es bitterernst.
Bei Lester fängt man am besten nicht mit seinen beiden Aushängeschildern, den Beatles-Filmen »A Hard Day’s Night« und »Help!« (1965) an. Denn die scheinen so mit daher gemurmeltem Popchorälen verwoben zu sein, dass es auf Anhieb schwer ist, zum Funken durchzugucken – es gibt nichts zu entdecken, weil das alles schon bekannt ist, denkt man. Wie bei »Yesterday«. Dagegen hilft nur, sie nicht als Beatles- sondern als Lester-Filme zu gucken. Aber dafür ist später auch noch Zeit, wenn die Lesterismen zu einem sprechen.
Ich habe weiter hinter begonnen: Mit »Superman II« (1980) und »Superman III« (1983), eher aus Versehen, als ich krank und die Superman-Reihe dran war. Ich bin an dem komischen Überschuss der Filme hängen geblieben. An dem ganzen dreisten Unsinn, der nebenbei passiert, während die Geschichte über den Messias eher auf Autopilot läuft. An den Menschen, die sich lachend an den Hörern in Telefonzellen festhalten und sich weigern, das Gespräch zu beenden, während die Welt um sie herum weggefegt wird. Mir kam es so vor, als sei dieser Unsinn in den beiden Superman-Fortsetzungen das Beste, das der Reihe nach Richard Donners großangelegtem Opern-Unfug des ersten Teils passieren konnte. »Superman II & III« sollte man auch unbedingt sehen, wenn man der Meinung ist, dass solch durchanonymisierte Großproduktionen wie Branaghs »Thor« (2011) oder Whedons »Avengers« (2012) irgendeine Form von Regie-Handschrift erkennen ließen. Wie bei den ganz, ganz Großen hat Lester zwar kaum selber Drehbücher verfasst, aber trotzdem immer reichlich Unverwechselbarkeitsserum angerührt.
Lester macht in diesen Filmen etwas, das er sehr häufig auch schon in den zwanzig Jahren vorher getan hat, wie ich später feststellen sollte: Er sabotiert sich selbst. Am Anfang tritt es noch ganz offensichtlich zutage. Sei es im jazzigen »The Knack... and How to Get It« (1965) oder in der Satire »How I Won the War« (1967), bei dem ich noch nicht genau weiß, ob es wirklich, wie die Beteiligten behaupten, ein Anti-Kriegsfilm-Film ist, oder nicht doch eher ein Antikriegsfilm, oder ob das eine vom anderen nicht zu trennen ist. Immer wieder hält er in diesen Filmen – wie auch im »A Funny Thing Happened on the Way to the Forum« (1966) und in »A Hard Day’s Night« und »Help!« sowieso – die Geschichte an, schlägt einen Haken, bevor die Erzählung zu getragen, der Witz zu schlau oder der Ernst zu schwer wird. Lieber Irritation als Professionalität, lieber dubios als seriös.
In postapokalyptischen »The Bed Sitting Room« (1969) treibt er das Prinzip der Sabotage sicherlich auf die Spitze, indem er außer Sabotage einfach nichts anderes zulässt. Wahrscheinlich ist dieses Meisterwerk des absurden Dramas, bei dem es noch schwerer als bei »How I Won the War« ist, seine innere Logik zu entschlüsseln, Lesters größte Leistung. Doch sehen wollte (und will) das niemand. Vielleicht wie sich auch keiner Malewitschs schwarzes Quadrat an die Wand hängen würde. Dabei sieht »The Bed Sitting Room« nebenbei auch noch so wahnsinnig gut aus. Wie der (endlich einmal) wahrgewordene Traum eines Terry Gilliams vielleicht. Ein von der meisten Erzählung befreite Film, zu unbequem strebsam vielleicht. Er bezeichnet damit auch eine Zäsur nach der ersten Lesterschen Schaffensperiode, weil »The Bed Sitting Room« für seine Geldgeber aus Hollywood so attraktiv war wie Pisse am Bein.
Ich habe weiter hinter begonnen: Mit »Superman II« (1980) und »Superman III« (1983), eher aus Versehen, als ich krank und die Superman-Reihe dran war. Ich bin an dem komischen Überschuss der Filme hängen geblieben. An dem ganzen dreisten Unsinn, der nebenbei passiert, während die Geschichte über den Messias eher auf Autopilot läuft. An den Menschen, die sich lachend an den Hörern in Telefonzellen festhalten und sich weigern, das Gespräch zu beenden, während die Welt um sie herum weggefegt wird. Mir kam es so vor, als sei dieser Unsinn in den beiden Superman-Fortsetzungen das Beste, das der Reihe nach Richard Donners großangelegtem Opern-Unfug des ersten Teils passieren konnte. »Superman II & III« sollte man auch unbedingt sehen, wenn man der Meinung ist, dass solch durchanonymisierte Großproduktionen wie Branaghs »Thor« (2011) oder Whedons »Avengers« (2012) irgendeine Form von Regie-Handschrift erkennen ließen. Wie bei den ganz, ganz Großen hat Lester zwar kaum selber Drehbücher verfasst, aber trotzdem immer reichlich Unverwechselbarkeitsserum angerührt.
Lester macht in diesen Filmen etwas, das er sehr häufig auch schon in den zwanzig Jahren vorher getan hat, wie ich später feststellen sollte: Er sabotiert sich selbst. Am Anfang tritt es noch ganz offensichtlich zutage. Sei es im jazzigen »The Knack... and How to Get It« (1965) oder in der Satire »How I Won the War« (1967), bei dem ich noch nicht genau weiß, ob es wirklich, wie die Beteiligten behaupten, ein Anti-Kriegsfilm-Film ist, oder nicht doch eher ein Antikriegsfilm, oder ob das eine vom anderen nicht zu trennen ist. Immer wieder hält er in diesen Filmen – wie auch im »A Funny Thing Happened on the Way to the Forum« (1966) und in »A Hard Day’s Night« und »Help!« sowieso – die Geschichte an, schlägt einen Haken, bevor die Erzählung zu getragen, der Witz zu schlau oder der Ernst zu schwer wird. Lieber Irritation als Professionalität, lieber dubios als seriös.
In postapokalyptischen »The Bed Sitting Room« (1969) treibt er das Prinzip der Sabotage sicherlich auf die Spitze, indem er außer Sabotage einfach nichts anderes zulässt. Wahrscheinlich ist dieses Meisterwerk des absurden Dramas, bei dem es noch schwerer als bei »How I Won the War« ist, seine innere Logik zu entschlüsseln, Lesters größte Leistung. Doch sehen wollte (und will) das niemand. Vielleicht wie sich auch keiner Malewitschs schwarzes Quadrat an die Wand hängen würde. Dabei sieht »The Bed Sitting Room« nebenbei auch noch so wahnsinnig gut aus. Wie der (endlich einmal) wahrgewordene Traum eines Terry Gilliams vielleicht. Ein von der meisten Erzählung befreite Film, zu unbequem strebsam vielleicht. Er bezeichnet damit auch eine Zäsur nach der ersten Lesterschen Schaffensperiode, weil »The Bed Sitting Room« für seine Geldgeber aus Hollywood so attraktiv war wie Pisse am Bein.
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| Die Verzweiflung des Absurden II: »Petulia« |
In den Siebzigern schmeißt Lester sich dann in konventionelleren Streifen weiter Knüppel zwischen die Beine. Zum Beispiel in den beiden kerngesunden Musketier-Filmen. Außer Albernheiten (die eigentlich schon reichen würden) gibt’s hier und da noch ein Statement zum Kräfteverhältnis der Klassen: Wenn der Knecht die Scheiße von der Adeligen im Fenster über ihm auf den Kopf geschüttet bekommt, ist das nicht nur albern, sondern durchaus die Verzweiflung des Absurden, die sich dort ausdrückt. Bei Lester bekommt man eh häufiger den Eindruck, dass es sich viel und gut über die Mächtigen und ihre dummen Dummheiten lachen lässt, dass das aber natürlich nichts daran ändert, dass sie die mit der Macht sind.
Selbst bei einem routinierten Genrestück wie »Juggernaut« (1974) sind noch Lesterismen aufspüren während hier noch das vielzitierte Blaue-oder-rote-Draht-Dilemma des Bombenentschärferfilms zur Perfektion gebracht wird. Bei »Robin and Marian« (1976) hat der gealterte Robin Hood (Sean Connery) nicht nur das Problem, dass seine Marian (Audrey Hepburn) Nonne geworden ist, sondern dass sich mit Mitte Fünfzig die Mauern auch eher noch höher und unbezwingbarer anfühlen als früher. Und von den ganzen Heldentaten, die über ihn berichtet werden, hat er sowieso nur die wenigsten vollbracht. Kurz: Auch für Robin Hood wird es mit der Zeit bloß wenig leichter.
In seinem milden Spätwerk wird Lester teilweise dann aber doch arg geizig, was die beigefügte Menge seines absurden Bedeutungssilikons angeht (z. B. im gar nicht so sehr missratenen »Cuba« (1979)). Erst in den Superman-Filmen drückt er noch mal gehörig auf die Tube und scheut sich auch im Rahmen einer Größtproduktion nicht vor Improvisation, Nonnen und Sabotage. Wenn man Lester erst mal besser kennt, fragt man sich, wie es bisher ohne ging. Das Sonic-Youth-Syndrom.
In seinem milden Spätwerk wird Lester teilweise dann aber doch arg geizig, was die beigefügte Menge seines absurden Bedeutungssilikons angeht (z. B. im gar nicht so sehr missratenen »Cuba« (1979)). Erst in den Superman-Filmen drückt er noch mal gehörig auf die Tube und scheut sich auch im Rahmen einer Größtproduktion nicht vor Improvisation, Nonnen und Sabotage. Wenn man Lester erst mal besser kennt, fragt man sich, wie es bisher ohne ging. Das Sonic-Youth-Syndrom.
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| Immer dabei: Eine von vielen, vielen Nonnen |
Wie es nicht die eine, alles entscheidende Sonic-Youth-Platte gibt, gibt es auch keinen essenziellen Lester-Film. Da wo es losgeht, geht’s los, sein Stil ist sowieso über alle Filme verstreut. Und mit »Petulia«, »A Hard Day’s Knight«, »The Three Musketeers« und »The Knack ...and How to Get It« kann man eigentlich nichts falsch machen, wenn auch nur noch ein Fünkchen Leben, Sinn und Verstand in einem stecken. Irgendwann muss noch mal jemand was dazu sagen, was es mit den ganzen Nonnen auf sich hat und warum stets langhaarige Gammler am Rande der Erzählung rumstehen. Bis dahin: Lester up your life.
Der Text erschin zuerst im Februar 2013 beim Affektblog.







