Oblivion


Manche sehen Tom Cruise schon länger gerne beim Rennen zu. Und läuft der „Run, TC, run!“-Modus erst einmal in den hinteren Hirnwindungen mit, lässt sich tatsächlich eine spezielle Schönheit in seiner Körperspannung erkennen, die von kompromissloser Zielstrebigkeit und einem unbeugsamen Willen erzählt. In „Oblivion“ rennt TC wenig. Eine kurze Einstellung zeigt ihn in einem futuristisch minimalisierten Update des Hamsterrads; die bedeutungsvoll überhöhte Variante des eigentlich schon metapherschweren Bildes des Laufbands: Kompromisslose Zielstrebigkeit und unbeugsamer Wille als ewiger Loop.

TC heißt hier Jack, und in seiner Beziehung zu Victoria (Andrea Riseborough) zeigt die erste Hälfte von „Oblivion“ das Dilemma des modernen Paares als High-Tech-Tretmühle. Die zwei sind das effektive Spitzenteam, das die Einsamkeit gemeinsam sucht und gefunden hat: Als Wartungseinheit für künstliche Intelligenzen auf einer entsiedelten, postapokalytischen Erde. Sie sind Menschen, die für Maschinen da sind. Jack ist der Techniker, der da raus muss, diese Maschinen repariert und lieber in seiner geheimen Hütte im Wald schon jetzt von einem richtigen Leben im falschen träumt, als dass er Sex mit seiner Frau hat. Vicoria ist die Einsatzleiterin, die drinnen bleibt, stets besorgt, voller Furcht die Welt da draußen über Touchscreens regulierend. Ein Paar, das Distanz und Nähe gegen ständige gegenseitige Überwachung eingetauscht hat. Wenn unser Working-class-Hero am Ende des Tages endlich nach Hause kommt, war er eigentlich nie richtig weg. Der Motor, der diese Hölle für zwei am Laufen hält, ist das gemeinsam erträumte Projekt vom Dritten. Für Jack und Vicoria ist es eine Zukunft auf einem entfernten Mond, wo sie endlich sie selbst werden dürfen.

„Oblivion“ versucht sich an einer alternativen Figur des Untoten, indem er statt des allgegenwärtigen Zombies einen Klon hinstellt. Im Gegensatz zum Zombie ist dem Klon zumindest eine entfernte Ahnung von seinem eigenen Untod möglich: In diesem Fall in Form von fragmentarischen Erinnerungsbildern, die zeigen, dass hier was nicht stimmt, die eine latente Erlösung anbieten und so diese Erzählung über Subjektwerdung anschieben. Das Untote in „Oblivion“ muss wieder Mensch werden, um sterben zu können. Denn das größte Problem dieser Posthumanen ist, dass sie das gerade nicht können: sterben. „Oblivion“ ist daher auch am interessantesten, wenn er seine Figuren offen über ihre Todessehnsucht reden lässt. „Weißt du noch unser Traum, in einer gemeinsamen Hütte irgendwann alt und dick zu werden? Vielleicht zu viel zu trinken? Irgendwann einsam zu sterben und von der Welt vergessen zu werden?“, heißt es in etwa an einer Stelle. Das richtet sich natürlich gegen den Menschen, der für die Technik da ist, gegen den Menschen, der erfasst ist, und träumt von einem Menschen, der für den Menschen da ist. Träumt von einem Häuschen in der Natur, mit Tomaten, Kürbissen und Procol Harum. Die romantisch-hysterische Überdrehung dieser Vorstellung mündet in der recht unangenehmen Idee vom sinnstiftenden Tod fürs Vaterland. Auch das zeigt „Oblivion“.

Vom Untoten zum Ökonazi also? Teilweise, aber nicht nur – man mag befürchten, dass „Oblivion“ die eine (falsche) Einsamkeit gegen die andere (ebenso falsche) Einsamkeit eintauschen möchte. Der Film erinnert sich dann aber an einen Teil seiner Erzählung, der überwiegend vergessen wurde und präsentiert uns im Angesicht all des Techno-Schreckens ein hilfloses Märchenende: Wenn nach dem Ausstieg aus dem Hamsterrad die notwendige Zusammenführung der Kleinfamilie im Grünen stattfindet, bleibt sie nicht zu dritt; wie Guerillas im Wald stehen da noch Zoë Bell, Nicolaj Coster-Waldau & Co – Mitglieder einer Revolutionstruppe, die wir leider nur ganz kurz kennenlernen durften – und scheinen der nun nicht mehr ganz so untoten Mischpoke optimistisch zuzuraunen, was auch schon andere feststellten: Zusammen sind wir weniger allein.
(Zwei von fünf Klonen)
Der Text erschin zuerst im April 2013 beim Affektblog.