Die Tage kam der hierzulande etwas vergessene Film „Clean, Shaven“ bei dem guten Label Bildstörung auf DVD und Blu-Ray raus. Wir haben ihn geguckt und sagen hier, warum ihr ihn auch gucken müsst.
Canonize or die: Sobald kein absicherndes Netz kultureller Referenzen gespannt ist, haben es nicht nur Filme schwer, der Vergessenheit zu entfliehen. Ist ein Werk zu singulär, zu geschlossen, dockt es zu wenig an den ästhetischen Schleifstein des Konsens an, läuft es durchaus Gefahr im (auch virtuellen) Bewusstseinsstrom zu zergehen. Dann müssen doch wieder die autoritätsstiftende Schwergewichte ran – im amerikanischen Raum meist Scorsese, im Falle von „Clean, Shaven“ übernimmt das Steven Soderbergh – und heilig sprechen.
Canonize or die: Sobald kein absicherndes Netz kultureller Referenzen gespannt ist, haben es nicht nur Filme schwer, der Vergessenheit zu entfliehen. Ist ein Werk zu singulär, zu geschlossen, dockt es zu wenig an den ästhetischen Schleifstein des Konsens an, läuft es durchaus Gefahr im (auch virtuellen) Bewusstseinsstrom zu zergehen. Dann müssen doch wieder die autoritätsstiftende Schwergewichte ran – im amerikanischen Raum meist Scorsese, im Falle von „Clean, Shaven“ übernimmt das Steven Soderbergh – und heilig sprechen.
„Clean, Shaven“ ist der Debütfilm des NYU Absolventen Lodge Kerrigan und eigentlich passiert nicht so viel. Angesiedelt in einer unbenannten Kleinstadt, geht es um den an Schizophrenie leidenden Peter Winter. Er wurde gerade aus der Psychiatrie entlassen und begibt sich auf die Suche nach seiner kleinen Tochter Nicole, die mittlerweile bei einer Adoptivmutter lebt. Gleichzeitig beginnt ein loser Krimiplot über eine Reihe von Morden an jungen Mädchen - etwa in Nicoles Alter -, die sich in der Gegend zugetragen haben. Ein Ermittler nimmt die Spur auf und Peter ist recht schnell sein Hauptverdächtiger. Wir erfahren fast nichts über die tote Mutter von Nicole oder die Ursachen für Peters Krankheit, die minimalistische Geschichte setzt sich nur langsam zusammen. Dafür arbeitet Kerrigan unaufhörlich daran, uns an der gestörten Wahrnehmung Peters teilhaben zu lassen. Und das mit voller Debütfilmkraft.
Kerrigan stellte seinen Film 1993 fertig. Zu einer Zeit, in der der amerikanische Independentfilm schon nicht mehr ganz frisch war bzw. gerade anfing, sich in den Mainstream zu ergießen (Disney kaufte Miramax, zum Beispiel). In diesem Sinne etwas aus der Zeit gefallen, hatte Kerrigan seinen Film über einen Zeitraum von zwei Jahren gedreht, eher mit Freunden (aber auch mit Verwandten) und einem Mikrobudget von 60.000$. Kein Geld für ‚Dailys‘, kein Geld für Licht, dafür eine Menge Ausdauer und Konzentration (und bei einer Drehzeit, die sich über zwei Jahre erstreckte, vermutlich auch Verdrängung). Er hatte in dieser Zeit miterleben können, wie sein Hauptdarsteller Peter Greene in einem anderen Film („Laws of Gravity“) mitspielte, der Film geschnitten wurde, ins Kino kam, auf Video veröffentlicht wurde und sie immer noch mit dem Dreh von „Clean, Shaven“ beschäftigt waren. Irgendwann dann doch fertig geworden (BTW: geschnitten von Jay Rabinowitz), verschickte Selfmade-Kerrigan eine Handvoll VHS-Kassetten an wenige, ausgewählte Festivals (jede Einreichung kostete immerhin 50$). Als Anfänger mit wenig Kontakten war die Hoffnung nicht groß, doch tatsächlich feierte „Clean, Shaven“ am 5. Oktober 1993 Premiere auf dem Telluride Film Festival und das Ganze kam so ins Rollen, wie es das manchmal tut, wenn alles gut geht. Es passierten zwei wichtige Dinge: Zum einen sah Kinomacher Pierre Rissient den Film beim Telluride und lud Kerrigan samt 16mm-Kopie unterm Arm (das war auch 1993 schon kein Standard mehr) nach Cannes ein. Zum anderen fiel „Clean, Shaven“ durch eine Besprechung von Todd McCarthy – Chef-Kritiker des Branchenblatts Variety – auch beim Independent Feature Film Market auf (die Variety wurde zu Kerrigans Glück kostenlos verteilt). Geoffrey Gilmore sah ihn dort und holte den Film zum Über-Festival Sundance. Cannes und Sundance also. Was noch? Legenden. Es häuften sich Geschichten darüber, dass einzelne Zuschauer während der Vorstellungen in Ohnmacht fielen, in Cannes wurden entsprechende Warnungen auf die Tickets gedruckt und angeblich soll selbst die Polizei bemüht gewesen sein, den Einlass ins Kino zu unterbinden. Alles wegen einer Szene, in der sich die Hauptfigur im Zuge ihrer schizophrenen Wahnvorstellungen eines Fingernagels mit Hilfe seines Taschenmessers entledigt. Überflüssig zu erwähnen, dass die Folge des kleinen Hypes eher mehr als weniger interessierte Festivalzuschauer waren. Anschließend bekam der Film eine internationale Kinoauswertung, einen zu reißerischen Trailer und geriet in Vergessenheit, mehr oder weniger.
Das mag vielleicht daran liegen, dass der Film seiner Legende im besten Sinne nicht gerecht wird. Man kennt diese Art von Mythen, die sich um Filme ranken, die dem weiten Feld des ‚Midnight Movies‘ entspringen oder sich auf ihn beziehen. Der explodierende Kopf aus Cronenbergs „Scanners“. Das unerträglich grauenhafte Monsterbaby aus Lynchs „Eraserhead“. Von den drastischen Gewaltausbrüchen Tarantinos bis meinethalben dem auf der Straße liegenden Gehirn aus Arronofskys „Pi“. Manchmal auch mit Sex. Alles nur zum Beispiel. Der klassische Talk-of-the-Street-Film eben. „Clean, Shaven“ verweigert sich deren Strategie des Bildersturms weitestgehend, löst also die voyeuristischen Versprechungen seiner vermeintlichen Artverwandten (wogegen hier gar nichts gesagt sein soll) nicht ein und damit auch nicht seinen ihm selbst vorauseilenden Ruf. Kerrigan interessiert sich viel mehr für das Erzeugen einer äußerst intensiven, häufig unangenehmen, emotionalen Spannung, die zu dem Gefühl führt, dass in wirklich jedem Augenblick, jetzt... gleich... das Aller-Allerschlimmste passieren wird. Wenn dann wirklich etwas passiert, ist der Effekt umso größer (ein Fingernagel ist ja erst mal nichts gegenüber einem explodierenden Kopf, Mutantenbabys, mehrstelligen Body-Counts oder herumliegenden Gehirnen).
Seine Debütfilmkraft bezieht „Clean, Shaven“ daher, dass Kerrigan in der Wahl seiner filmischen Mittel so frei wie kreativ ist, ganz Amateur. Die Kamera wird eher nicht so viel bewegt, es gibt wenige, überlegte Schwenks und Fahrten. Dabei ist der Film kein bisschen langsam. Alles ist aus sehr präzisen, häufig unangenehm nahen Einstellungen zusammengesetzt, gerne aus zu hohen oder verkanteten Winkeln blickend. Doch hat man dabei nie das Gefühl, einem reinen Experiment oder einer Fingerübung zuzuschauen. Das ist wohl Kerrigans künstlerischen Strenge, seiner beinahe unheimlichen Disziplin und Konzentriertheit zu verdanken, die das ganze Schlammassel dann doch wieder zusammenhält. Es entsteht tatsächlich der Eindruck, als könne sich Peter – und wir mit ihm – dem Gezeter seiner Umgebung nicht entziehen. Das liegt einmal mehr nicht nur am Bild, sondern auch am Ton: Zusammengemischt aus unzähligen Schnipseln, aus Radiostimmen, Kindergeschrei und nicht zu verortenden Geräuschen, bohrt sich ein Strom aus akustischen Halluzinationen in unseren – wie Peters – Kopf.
Ebenso manipulativ sind auch die Informationen, die uns der Film über Peters Rolle innerhalb des Krimiplots liefert. Es gibt unzählige Hinweise dafür, dass er der Mörder sein könnte, doch der entscheidende Beweis fehlt. Kerrigan weiß, dass wir dieser offensichtlich gestörten Figur sehr schnell einen Mord (noch dazu an kleinen Mädchen) zutrauen. Er spielt mit unseren Erwartungen bezüglich schizophrener Filmfiguren, die, wie wir in unzähligen Filmen gelernt haben, in der Regel zur Gewalttätigkeit neigen. Es geht also auch um eine vielen Menschen inhärente Angst, die große Einsamkeit mit Gewaltbereitschaft oder mindestens tiefem Misstrauen gegenüber dem Einsamen zusammenbringt. Natürlich verwehrt „Clean, Shaven“ sich bezüglich der Schuldfrage denn auch in beide Richtungen eines abschließenden Urteils, bleibt ambivalent. Das ist alles ziemlich anstrengend, teilweise unbefriedigend, aber auch schwer spannend. Allerdings eher im Sinne einer physikalisch messbaren, elektrischen Spannung, die man dann in Volt sagen kann. 1000 Volt. Zum Beispiel. Möglicherweise mehr.
Kerrigans radikale Zentrierung auf die Hauptfigur, die Analyse dieses Personenzustands, lässt den Film zuweilen wie eine Spätgeburt der New-Hollywood-Bewegung erscheinen. Dass er das Krankheitsbild seiner Figur so ernst nimmt und sich nicht erlaubt, es zu einer Metapher zu stilisieren, rückt ihn wieder davon ab. Manchmal denkt man auch an Haneke, aber der ist viel unerbittlicher und moralischer. Kerrigan bleibt integer, aber formal, trotz seiner kreativen Mittel, auch etwas streng. Das ist es wohl auch, was den Film zu solch einer einsamen Zelle macht. Das und seine schiere Nüchternheit. Lynch, Jodorowsky und Konsorten wirken dagegen wie ein Haufen Rumpelstilzchen, die uns zum gemeinsamen Bestaunen abseitiger Schmuddelheftchen und anschließender Scharlatanerie in ihr zuckersüßes Lebkuchenhaus locken wollen.
„Clean, Shaven“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Filmemacher eine sehr eigene Stimme findet, die aber trotzdem universell verständlich und, noch wichtiger, durch und durch nachfühlbar bleibt. Das macht ihn zum Pflichtprogramm für jeden Filmstudenten und zu einer Bereicherung für alle anderen. Denn hier gibt es viel zu lernen über Menschen und Film und Menschen mit Störung. Leider hat seine Eigenartigkeit wenig Spuren hinterlassen. In Cronenbergs ebenfalls übersehenen „Spider“ vielleicht. Das müsste man mal prüfen. Bis dahin und erstmal: Erweitert den Kanon.
„Clean, Shaven“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Filmemacher eine sehr eigene Stimme findet, die aber trotzdem universell verständlich und, noch wichtiger, durch und durch nachfühlbar bleibt. Das macht ihn zum Pflichtprogramm für jeden Filmstudenten und zu einer Bereicherung für alle anderen. Denn hier gibt es viel zu lernen über Menschen und Film und Menschen mit Störung. Leider hat seine Eigenartigkeit wenig Spuren hinterlassen. In Cronenbergs ebenfalls übersehenen „Spider“ vielleicht. Das müsste man mal prüfen. Bis dahin und erstmal: Erweitert den Kanon.
DVD und Blu-Ray sind jüngst bei Bildstörung erschienen. Hübsch reduziert, keine deutsche Tonspur, dafür mit einem informativen Kommentartrack (inkl. dt. UT!) von Kerrigan im Gespräch mit Soderbergh und schlauen Texten im Booklet.
Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin (online).





