Love Exposure

Film der Ausgabe

Der Film selbst nennt die folgende Szene das „miracle“: Der 17-jährige Upskirt-Fotograf Yu verliebt sich in das ihm noch unbekannte, schlagkräftige Schulmädchen Yoko, während er ihr gegen einen Trupp Schläger zur Hilfe eilt, den die intrigante Drahtzieherin Koike auf sie angesetzt hat. Yu sieht in Yoko die Personifikation der heiligen Maria, die zu finden ihm seine Mutter am Sterbebett einschwor. Allerdings ist er zu diesem Zeitpunkt gerade in die Rolle der Miss Scorpion geschlüpft, Dragqueen-Kriegerin der Gerechtigkeit, und trägt ein enges, schwarzes Kleid, den mondänen Hut einer Diva und eine riesige Sonnenbrille. Ein kurzer Kuss besiegelt das Schicksal der beiden Liebenden: Yoko kommt zu dem Schluss, sie habe lesbische Gefühle, Yu muss seines Lebens erste Erektion vor ihr verbergen, da seine Verkleidung auf keinen Fall auffliegen darf und Koike freut sich darüber, dass ihr Plan aufgeht.


Zu diesem Zeitpunkt hat das 237 Minuten lange, äußerst unterhaltsame Ausnahmewerk des japanischen Regisseurs und Autors Sion Sono gerade seine erste Stunde erreicht und wir haben zum Beispiel erfahren, dass Yus Vater, ein katholischer Pfarrer, seinem Sohn unerbittlich die tägliche Beichte abverlangt. Yu beginnt daraufhin, tatkräftig zu sündigen, um seinem Vater auf verquere Weise Beichtstoff bieten zu können. Dazu gehört, jungen Frauen unter ihre Röcke zu fotografieren, wobei er sein voyeuristisches Treiben erfolgreich mit Kung-Fu-Techniken anreichert und so schließlich „seine Maria“ findet, die von diesem Tun natürlich nichts wissen darf. Eine unwahrscheinliche Heirat später sind Yu und Yoko auch noch Stiefgeschwister, was das Drama verkompliziert, zumal Yoko immer noch in Miss Scorpion verliebt ist und nichts von der doppelten Identität ihres liebestollen Bruders ahnt.


Was in Schrift und Wort übersetzt, platt klingen mag, entpuppt sich als vielschichtiges, funkenschlagendes Melodram, dessen zahlreiche Ebenen Sono so virtuos wie leichtfüßig miteinander verwebt. Fällt ein Regisseur allein schon auf Grund der schieren Länge eines solchen Werks schnell unter den Verdacht der Megalomanie, leidet Love Exposure in keiner Sekunde an seinen epischen Ausmaßen. Vielleicht ist es der kurzen Drehzeit von nur drei Wochen verschuldet, dass der Film bei all seinem barocken Pathos dennoch völlig unprätentiös daherkommt. Mit einer wahnwitzigen Häufung abstrusester Plottwists und einem Humor, der zwar häufig charmant aber auch eindeutig unterhalb der Gürtellinie angesiedelt ist, überschreitet Love Exposure mit Freude immer wieder geschmäcklerische Grenzen und fordert seine Zuschauer so heraus, die eigene Moral zu überprüfen und sich zu fragen: Wer ist hier der Perverse und (wie) urteile ich über ihn?


Was wirklich überrascht, ist das große emotionale Potential, das er entwickelt und die tiefe Aufrichtigkeit, die der Autor und Regisseur seinen Figuren entgegenbringt. Denn trotz intensiver Bemühungen so ziemlich aller Japan-Film-Klischees (literweise Blut, prügelnde Schulmädchen, eine schier endlose Zahl an ‚Panty-Shots’ und Mangafrisuren) schafft Sono es, seiner Geschichte eine universelle Bedeutungsebene zu verleihen. Diese dreht sich um sexuelle Begierde und Moral und begibt sich auf die Suche nach einer Möglichkeit auch ohne Scham an einem vermeintlich perversen Verlangen festhalten zu können. Es geht um die spirituelle Sehnsucht nach Vergebung, Glauben und der seltsamen Einheit von Trieb und Schuld und schließlich um – natürlich – die Liebe. Pures Seelenkino.

Japan 2008, 237 Min., Regie & Buch: Shion Sono – Rapid Eye Movies
Love Exposure erscheint am 5. Februar bei RapidEyeMovies auf DVD.

 Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin #4.

Die Legende der Wächter

"Die Legende der Wächter" handelt vor allem von der naturalistischen, anatomisch pseudo-korrekten Animation superflauschiger Eulen. Natürlich hochauflösend und in 3D. Allerdings muss jemand die Befürchtung gehabt haben, dass selbst die kulleraugigste Eule ihren Reiz verliert, bevor sie richtig flügge geworden ist. Anders ist das Überangebot an Plot in diesem Film, der eigentlich drei ist, nicht zu erklären. 
Natureule
Bei "Die Legende der Wächter" handelt es sich um die Verfilmung der ersten drei Teile der gleichnamigen Fantasy-Buchreihe, in deren Mittelpunkt die beiden jungen Eulen Soren und Kludd stehen. Der eine ist ein sensibler Träumer, der von den Erzählungen seines Vaters über die legendären Wächtereulen von Ga‘Hoole nicht genug bekommt. Der andere, sein eifersüchtiger, sich nach Anerkennung sehnender Bruder. Beide landen versehentlich bei dem dunklen Eulen-Klan der „Reinen“. Eine mit jeder Menge Nazisymbolik aufgeladene, kultische Vereinigung, die die Übernahme der gesamten Eulenwelt plant. Dafür machen sich deren Anführer niedere, „unreine“ Eulenarten zu gefügigen Zombies (hier heißt es „Mondblind“), wobei die „reinen“ Eulenkids zu ihren jungen Soldaten ausgebildet werden. Soren kann fliehen und reist mit einer Gruppe neuer Freunde zum Baum der Wächter. Kludd verrät seine Familie, bleibt bei den „Reinen“ und wird selbstverständlich von seinem Bruder besiegt werden müssen. Die Wächter repräsentieren im Gegensatz zu den „Reinen“ quasi die helle, demokratische Jedi-Seite der Macht und zusammen mit Soren und dessen Freunden fliegen sie einen großen Angriff auf die Festung des Feindes, um die Welt von dessen Terrorregime zu befreien. 
Pixelgenaue Niedlichkeit
Das sind natürlich Allgemeinplätze. Der Film hält sich so sklavisch an Campbells monomythische Heldenreise, wie es sonst eigentlich nur George Lucas wagt. Das ist auch der Grund dafür, dass man viele der Figurenkonstellationen und Wendungen auch aus eben dessen Star Wars-Universum zu kennen scheint. In dieser Hinsicht ist der Höhepunkt des Films sicherlich das entkörperlichte „Use your gizzard“, das der junge Padawan Soren von seinem Lehrmeister im Geiste zu hören glaubt und das ihn im Finale zur letzten Höchstleistung antreiben wird (vgl. auch: Star War Episode IV). Nun, das alles muss nicht schlecht sein. Als Zehnjähriger konnte ich mir nichts Besseres vorstellen! Auch die vielen Anleihen aus "Der Herr der Ringe", "Willow", etc. sind kein Problem. Problematisch ist vielmehr, dass der Film seine Einfallslosigkeit nicht mit Imagination beantwortet, sondern mit einem wahren Überangebot an Plot, der (Überraschung!) gut und gerne für eine Trilogie gereicht hätte.

Der Technokrat Zack Snyder interessierte sich dabei einmal mehr kaum für seine Figuren und ihre Motivationen. Er konzentriert sich ganz auf den Look: Seine superhochauflösenden Bilder versprühen dabei den Charme einer mit Airbrush gepimpten Motorhaube. Doch findet man sich einmal damit ab, darf sich das Auge an den allerfeinsten Texturen und Schattierungen entlangschauen, die im 3D-Animationskino bisher zu sehen waren. Dazu passen die Snydertypischen Superzeitlupen wie Helme auf Spartaner. Schaut her wie dieser Wassertropfen auf dem Federkleid zerplatzt! Alles Einzelberechnung! Ein Technikporno für Kinder, die keine mehr sind und der sich an den von Pixar etablierten Bildtypus der pixelgenauen Niedlichkeit hängt, ohne auch nur in einem Moment Fleisch zu werden. Es bleibt unheimlich leer hinter den supersüßen, kreisrunden Eulenaugen (und das hat diesmal nichts mit einem „uncanny valley“ zu tun). Dazu kommt eine der sensationell geschmacklosesten Musikeinlagen, die man seit Langem im Kino bestaunen durfte. Ein Fest für alle unsere Freunde, die es gerne campy mögen. 
Der Charme von Motorhauben
Da dem Film wirklich jeglicher Sense-of-wonder abgeht, fallen die politischen Subtexte (Die Liberalen verhauen die Faschisten! - Nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre!!) und ihre Grobschlächtigkeit umso unangenehmer ins Gewicht. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass sich Gut und Böse in den wesentlichen Punkten nicht sonderlich unterscheidet. Die Guten haben hier einfach nur die bessere Propaganda. Denn der Film nimmt eine durchaus martialische Haltung ein, die sich bis in die tiefsten Strukturen seiner entmenschlichten Bilder eingeschrieben hat.

Das zeigt sich beispielsweise an der Figur des „Lyze of Kiel“, einem legendären Krieger der Wächter, der die Fantasie des kleinen Soren schon seit frühester Kindheit beflügelt. Als sie sich später begegnen, lernt Soren, dass am Krieg nichts Heldenhaftes oder Glorreiches zu finden ist, sondern dass man (als Soldat und Eulenkrieger) tut, was man tun muss, um seinen Baum (sein Land) zu verteidigen. In den Kampf zu ziehen wird zu einer höchst sinnhaften Betätigung für die Heranwachsenden und hinten rum eben doch mindestens nobel.
Nor law, nor duty bade me fight, 
Nor public men, nor cheering crowds, 
A lonely impulse of delight 
Drove to this tumult in the clouds; 
I balanced all, brought all to mind, 
The years to come seemed waste of breath, 
A waste of breath the years behind 
In balance with this life, this death.
heißt es bei Yeats’ Vorhersehungen eines irischen Pilotens. Das Einzige, was den in den Krieg zog, war die Freude am Fliegen. Von dessen Freude hätte man auch bei "Die Legende der Wächter", der für Kinder eh zu düster geraten ist, gerne mehr gesehen.

Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin (online).

Summer Wars

Es gibt ihn immer wieder: Der eine Anime, der aus der Veröffentlichungsflut heraussticht und auch im Westen zitierfähig wird. „Akira“? Natürlich. „Ghost In The Shell“? Aber klar! „Paprika“? Wahrscheinlich. „Summer Wars“? Vielleicht nicht ganz … 
Zugegeben, fair ist diese Genealogie nicht, soll sie doch auch nur zeigen, in welcher Liga „Summer Wars“ mitmischt. Wie auch schon in dem ebenso sehenswerten „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ erzählt der Regisseur Mamoru Hosoda in einem aufrichtig unironischen Ton einen äußerst gelungenen, alternativen Familienfilm, ohne bieder oder an den falschen Stellen zu zahm daherzukommen. Das liegt nicht nur an dem liebevollen Umgang mit den bisweilen schrägen oder zumindest ungewöhnlichen Charakteren, sondern auch an dem glücklicherweise um die Ecke gedachten, aber dennoch treffenden Bezug zur Realität seiner Zuschauer. 
Das junge Mathe-Genie Kenji wird von seiner Mitschülerin Natsuki zum großen Familienfest aufs Land eingeladen. Dort soll der schüchterne Junge ihren Verlobten spielen, um die besorgte Großmutter zu beruhigen. Gleichzeitig verstrickt sich Kenji in eine Abenteuergeschichte um eine virtuelle Welt namens OZ, die von den unwahrscheinlichsten Avataren bewohnt wird. Doch bald merkt der moderne Großstadtmensch, dass er die echte Erde nur retten kann, wenn er sich mit der traditionellen Großfamilie verbündet. 
Bei aller dem Geschehen zugrunde liegenden Situationskomik wird die Grenze zur Karikatur nur selten überschritten. Vielmehr ist der Film eine äußerst unverkopfte Reflexion über solch seltsame, der analogen Welt zugeschriebenen Werte wie Zusammenhalt, gegenseitige Rücksichtnahme und Verantwortungsgefühl. Und in diesem Sinne ist „Summer Wars“ eben tatsächlich ein Familienfilm geworden.

Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

Film der Ausgabe

Der Film strotzt nur so vor abgeklärten Bescheidwissern, Insidertum und hat zudem einen sozial dysfunktionalen Helden. Und doch will Slacker Scott Pilgrim nur das Eine: Die naive Liebe und die coole Ramona für sich gewinnen. Um an sie heranzukommen, muss er allerdings erst ihre sieben bösen Exfreunde in vorzüglich choreografierten Kämpfen besiegen und sich von seiner lästigen, uncoolen Teenager-Freundin trennen. Begleitet wird er dabei von der Band Sex Bob-Omb, in der er eher schlecht – dafür voller Inbrunst – Bass spielt und seinem schwulen, extrem ausgeglichenen und lebensweisen Mitbewohner Wallace (grandios: Kieran Culkin).


Mit Sex Bob-Omb tut sich auch schon ein gutes Beispiel für das Wirkprinzip des Films auf: Zum einen birgt der Name die naheliegende Assoziation mit dem Pop- oder Punk-Klassiker „Sexbomb“, zum anderen die etwas abseitigere Verbindung mit einem Charakter aus der bunten Welt von „Super Mario“. Dass für das Personal des Films Letzteres bedeutsamer ist, gibt ganz gut die Stoßrichtung des Films an. Denn immerhin ist Nintendos laufende Bombe mit den Kulleraugen das Maskottchen der Band und nicht Tom Jones oder das berühmte Flipper-Emblem. Die gesamte Mythologie dieser Comicverfilmung setzt sich aus meist sehr speziellen popkulturellen Versatzstücken der letzten dreißig Jahre zusammen. Mit anderen Worten: Es wird zitiert, dass die Schwarte kracht!

Dennoch gelingt es den Machern, den Eindruck einer äußerst stimmigen, wenn auch wahnsinnig schnellen, bisweilen überfordernden Collage zu erzeugen. Ohne Rücksicht auf eine konsistente Weltkonstruktion – Scott Pilgrim ist in diesem Sinne quasi Anti-Cameron – stimmt „anything goes“ hier tatsächlich mal. Was der Film dadurch hervorragend schafft, ist, die Art und Weise widerzuspiegeln, mit der sich jüngere Generationen der Zeichenwelt ihrer Vorgänger bemächtigen, mit der sie existierende Codes übernehmen und neu besetzen. Und entweder du verstehst es, bist dabei und einer von ihnen oder nicht. „We are Sex Bob-Omb!“, schreit die Drummerin. Will heißen: Seid ihr, liebes Publikum, mit uns oder denkt ihr an Tom Jones?


 Das ist gleichzeitig die größte Stärke als auch Schwäche des Films. Wenn man drin ist, erlebt man eine orgiastische Achterbahnfahrt. Kommt man allerdings nicht rein, weil sämtliche Zitate an einem vorüberhuschen, kann man den Lichtern des Zuges, der dort abfährt, eigentlich nur noch hinterhergucken. Denn seine dramaturgische Struktur folgt vor allem der einer Nummernrevue (nein, nicht der eines Videospiels) und gibt wenig Möglichkeiten, mit den Charakteren auf Tuchfühlung zu gehen. Nun, diejenigen, die „drin“ sind, werden das kaum vermissen, bezieht der Film seine emotionale Wirkung doch hauptsächlich aus der Rückkopplung an die Erinnerungen seiner Zuschauer mit ihren eigenen multimedialen Erfahrungen. Sprich: Auf der Tonspur des Films bliept, sprunzt und pluckert es in schönster 8- oder 16-Bit-Tradition, die geschlagenen Gegner zerspringen in goldene Münzen und wenn Scott das „Schwert-der-Selbstachtung“ zückt, wird so manchem Zocker das Herz weich.



Natürlich ist das Zitat-Kino nicht unbedingt neu und dem Film wird seit der ersten Ankündigung von Hipstertum bis zum Ausverkauf des Nerds so einiges vorgeworfen. Ob man den Hype um Scott Pilgrim nun teilen will oder nicht: Wer sich dazu entschließt, ihn zu meiden, slackermäßig zu Hause bleibt und lieber noch ’ne Runde „Super Mario“ daddelt, wird eine der smartesten, knalligsten und spaßigsten Leinwandexplosionen des Jahres verpassen. Make your choice! 3… 2… 1… Continue?


Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin.

Buried - „Ein-Mann-in-einer-Kiste-und-sonst-wirklich-nichts- aber-auch-rein-gar-nichts“

Es ist dunkel. Richtig dunkel. Man hört ein Keuchen, ein Schaben, ein Kratzen, ein Stöhnen. Wir schauen nach vorn, die Leinwand ist schwarz. Ein Feuerzeug flammt auf, wir sehen ein Auge. Aufgerissen und riesig starrt es zurück. Herzklopfen. Wir sehen ein Auge und das Auge sieht uns. Voller Verwirrung und Panik fragt es sich: Wo bin ich? Wer bin ich? Warum bin ich hier? Und gleichzeitig: Wer seid ihr?

Keiner hat diese Figur gefragt, ob sie sein will – darin ähnelt sie dem Zuschauer – und noch dazu, ob sie Paul Conroy sein will. Denn Paul Conroy wird die nächsten 95 Minuten in einem hölzernen Sarg unter der Erde verbringen und wir mit ihm. Die Figur hat keine Wahl: für diese Zeit wird sie das teuflische Spiel ihres Schöpfers mitmachen müssen. Das ist die Gewalt der Fiktion, die mit der Gewalt des Lebens das 'Geworfen-sein' teilt.

Mit dem Verstreichen der Minuten bekommt die leere Fläche „Paul Conroy“ zwangsläufig ein Bezugssystem, also eine Identität, eine Vergangenheit und damit eine Geschichte. Er ist Amerikaner. Er arbeitet als Lastwagenfahrer im Irak. Er ist Zivilist, kein Soldat. Darauf besteht Paul Conroy. Er hat eine Frau und einen Sohn, sie leben in Michigan. Dort möchte Paul wieder hin und dafür dringend aus dem engen Sarg. Das meiste hiervon erfahren wir aus Gesprächen, die er mittels eines viel bemühten Mobiltelefons führt. Das Handy entpuppt sich mit der Zeit als der notwendige Coup des Films. Die für das amerikanische Unterhaltungskino einzige Möglichkeit, das große Versprechen des Films auch wirklich einzuhalten.

Paul Conroy heißt im richtigen (oder im noch falscheren?) Leben Ryan Reynolds und darf nach vielen RomComs in dem Quasi-Einpersonenstück „Buried“ mal wieder zeigen, dass er tatsächlich Film-Schauspieler ist. Das heißt in diesem Fall: Sich mit verschieden Lichtquellen (Handy, Taschenlampe, Knicklicht) selber ausleuchten, dabei eine präzise Bewegung für die Kamera und entsprechende punktgenaue Mimik abliefern. Das Ganze bitte mit passenden Anschlüssen? Die Hölle! Beaufsichtigt wurde er dabei von Rodrigo Cortés, einem jener ehrgeizigen jungen Regisseure, die sowohl alles richtig, als auch möglichst wenig anders machen wollen. Denn Cortés denkt eben in bester Hollywood-Tradition als Erstes an den Zuschauer und erst als Drittes an seine Kunst. Die Folge ist ein zwar formalistischer, aber höchst fesselnder Thriller. Unterhaltungskino im guten Sinne.

Cortés schafft es – und das ist seine eigentliche Leistung – den Grundstoff seiner Geschichte ins Filmische umzudenken. Er umarmt deren Geschlossenheit von Zeit und Raum und übersetzt sie, mit der Kreativität eines talentierten Handwerkers, in filmische Zeit und filmischen Raum mit all den Möglichkeiten ihrer Manipulation: der Dehnung und Stauchung, der Streckung und Verkürzung. Das erklärt auch die viel bemühten Vergleiche (unter anderem von Cortés selbst) mit Hitchcock, der ja bekanntlich als Meister im Umgang mit eben diesen filmisch illusionistischen Mitteln gilt.

All das souverän Gekonnte und das Gewusst-Wie hilft einem auch, über die vielen politischen Klischees, derer sich das Drehbuch bedient, hinwegzusehen. Cortés nutzt sie als Abkürzungen auf dem Weg zum Aufbau eines Spannungsbogens, macht aus ihnen seinen McGuffin und begeht eben nicht den großen Arthaus-Fehler, auf Gedeih und Verderb zu einer wahrhaften Aussage kommen zu wollen. Ihm geht es zwar (natürlich) um psychologischen Realismus, löst sich dabei aber keine Handbreit vom Spiel der Fiktion. Es geht also eigentlich nicht um - der Film greift die Themen tatsächlich auf - Globalisierungskritik, die Skrupellosigkeit anonymer Großkonzerne und schließlich die Folgen eines Irakkrieges. „Buried“ spielt mit diesen Versatzstücken und bleibt doch beim besten Stück vom Genre-Kuchen. Denn im Idealfall schimmert eine fast philosophisch existenzialistische Metaebene durch den Plot, wie sie nur das auf seine Prämissen runter gebrochene Genre-Kino aufzuwerfen vermag. Um an einigen unserer Urängste zu rütteln, um an den Luxus zu erinnern, die meiste Zeit frei von ihnen zu sein.
„Buried“ ist der Film eines kleinen Strebers, der es allen zeigen will. Ein Film von jemandem, der Angst davor hat, es sich zu leicht zu machen und sich sicherheitshalber selbst zu hohe Anforderungen stellt (um diese dann auch zu kommunizieren). Und Cortés scheitert an seinen eigenen Anforderungen nicht einmal. Auch nicht großartig, denn „Buried“ ist an keiner Stelle genial und bestimmt kein Meisterwerk. Dafür bleibt er zu konzentriert, zu genau, aber auch zu sehr Versuchsanordnung und Fingerübung. Dennoch ist er sehr wohl der bestmögliche Film, der aus der peniblen Einhaltung der Prämisse „Ein-Mann-in-einer-Kiste-und-sonst-wirklich-nichts-aber-auch-rein-gar-nichts“ entstehen konnte.




Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin (online).

Clean, Shaven

Die Tage kam der hierzulande etwas vergessene Film „Clean, Shaven“ bei dem guten Label Bildstörung auf DVD und Blu-Ray raus. Wir haben ihn geguckt und sagen hier, warum ihr ihn auch gucken müsst.

Canonize or die: Sobald kein absicherndes Netz kultureller Referenzen gespannt ist, haben es nicht nur Filme schwer, der Vergessenheit zu entfliehen. Ist ein Werk zu singulär, zu geschlossen, dockt es zu wenig an den ästhetischen Schleifstein des Konsens an, läuft es durchaus Gefahr im (auch virtuellen) Bewusstseinsstrom zu zergehen. Dann müssen doch wieder die autoritätsstiftende Schwergewichte ran – im amerikanischen Raum meist Scorsese, im Falle von „Clean, Shaven“ übernimmt das Steven Soderbergh – und heilig sprechen.


„Clean, Shaven“ ist der Debütfilm des NYU Absolventen Lodge Kerrigan und eigentlich passiert nicht so viel. Angesiedelt in einer unbenannten Kleinstadt, geht es um den an Schizophrenie leidenden Peter Winter. Er wurde gerade aus der Psychiatrie entlassen und begibt sich auf die Suche nach seiner kleinen Tochter Nicole, die mittlerweile bei einer Adoptivmutter lebt. Gleichzeitig beginnt ein loser Krimiplot über eine Reihe von Morden an jungen Mädchen - etwa in Nicoles Alter -, die sich in der Gegend zugetragen haben. Ein Ermittler nimmt die Spur auf und Peter ist recht schnell sein Hauptverdächtiger. Wir erfahren fast nichts über die tote Mutter von Nicole oder die Ursachen für Peters Krankheit, die minimalistische Geschichte setzt sich nur langsam zusammen. Dafür arbeitet Kerrigan unaufhörlich daran, uns an der gestörten Wahrnehmung Peters teilhaben zu lassen. Und das mit voller Debütfilmkraft.

Kerrigan stellte seinen Film 1993 fertig. Zu einer Zeit, in der der amerikanische Independentfilm schon nicht mehr ganz frisch war bzw. gerade anfing, sich in den Mainstream zu ergießen (Disney kaufte Miramax, zum Beispiel). In diesem Sinne etwas aus der Zeit gefallen, hatte Kerrigan seinen Film über einen Zeitraum von zwei Jahren gedreht, eher mit Freunden (aber auch mit Verwandten) und einem Mikrobudget von 60.000$. Kein Geld für ‚Dailys‘, kein Geld für Licht, dafür eine Menge Ausdauer und Konzentration (und bei einer Drehzeit, die sich über zwei Jahre erstreckte, vermutlich auch Verdrängung). Er hatte in dieser Zeit miterleben können, wie sein Hauptdarsteller Peter Greene in einem anderen Film („Laws of Gravity“) mitspielte, der Film geschnitten wurde, ins Kino kam, auf Video veröffentlicht wurde und sie immer noch mit dem Dreh von „Clean, Shaven“ beschäftigt waren. Irgendwann dann doch fertig geworden (BTW: geschnitten von Jay Rabinowitz), verschickte Selfmade-Kerrigan eine Handvoll VHS-Kassetten an wenige, ausgewählte Festivals (jede Einreichung kostete immerhin 50$). Als Anfänger mit wenig Kontakten war die Hoffnung nicht groß, doch tatsächlich feierte „Clean, Shaven“ am 5. Oktober 1993 Premiere auf dem Telluride Film Festival und das Ganze kam so ins Rollen, wie es das manchmal tut, wenn alles gut geht. Es passierten zwei wichtige Dinge: Zum einen sah Kinomacher Pierre Rissient den Film beim Telluride und lud Kerrigan samt 16mm-Kopie unterm Arm (das war auch 1993 schon kein Standard mehr) nach Cannes ein. Zum anderen fiel „Clean, Shaven“ durch eine Besprechung von Todd McCarthy – Chef-Kritiker des Branchenblatts Variety – auch beim Independent Feature Film Market auf (die Variety wurde zu Kerrigans Glück kostenlos verteilt). Geoffrey Gilmore sah ihn dort und holte den Film zum Über-Festival Sundance. Cannes und Sundance also. Was noch? Legenden. Es häuften sich Geschichten darüber, dass einzelne Zuschauer während der Vorstellungen in Ohnmacht fielen, in Cannes wurden entsprechende Warnungen auf die Tickets gedruckt und angeblich soll selbst die Polizei bemüht gewesen sein, den Einlass ins Kino zu unterbinden. Alles wegen einer Szene, in der sich die Hauptfigur im Zuge ihrer schizophrenen Wahnvorstellungen eines Fingernagels mit Hilfe seines Taschenmessers entledigt. Überflüssig zu erwähnen, dass die Folge des kleinen Hypes eher mehr als weniger interessierte Festivalzuschauer waren. Anschließend bekam der Film eine internationale Kinoauswertung, einen zu reißerischen Trailer und geriet in Vergessenheit, mehr oder weniger.


Das mag vielleicht daran liegen, dass der Film seiner Legende im besten Sinne nicht gerecht wird. Man kennt diese Art von Mythen, die sich um Filme ranken, die dem weiten Feld des ‚Midnight Movies‘ entspringen oder sich auf ihn beziehen. Der explodierende Kopf aus Cronenbergs „Scanners“. Das unerträglich grauenhafte Monsterbaby aus Lynchs „Eraserhead“. Von den drastischen Gewaltausbrüchen Tarantinos bis meinethalben dem auf der Straße liegenden Gehirn aus Arronofskys „Pi“. Manchmal auch mit Sex. Alles nur zum Beispiel. Der klassische Talk-of-the-Street-Film eben. „Clean, Shaven“ verweigert sich deren Strategie des Bildersturms weitestgehend, löst also die voyeuristischen Versprechungen seiner vermeintlichen Artverwandten (wogegen hier gar nichts gesagt sein soll) nicht ein und damit auch nicht seinen ihm selbst vorauseilenden Ruf. Kerrigan interessiert sich viel mehr für das Erzeugen einer äußerst intensiven, häufig unangenehmen, emotionalen Spannung, die zu dem Gefühl führt, dass in wirklich jedem Augenblick, jetzt... gleich... das Aller-Allerschlimmste passieren wird. Wenn dann wirklich etwas passiert, ist der Effekt umso größer (ein Fingernagel ist ja erst mal nichts gegenüber einem explodierenden Kopf, Mutantenbabys, mehrstelligen Body-Counts oder herumliegenden Gehirnen).

Seine Debütfilmkraft bezieht „Clean, Shaven“ daher, dass Kerrigan in der Wahl seiner filmischen Mittel so frei wie kreativ ist, ganz Amateur. Die Kamera wird eher nicht so viel bewegt, es gibt wenige, überlegte Schwenks und Fahrten. Dabei ist der Film kein bisschen langsam. Alles ist aus sehr präzisen, häufig unangenehm nahen Einstellungen zusammengesetzt, gerne aus zu hohen oder verkanteten Winkeln blickend. Doch hat man dabei nie das Gefühl, einem reinen Experiment oder einer Fingerübung zuzuschauen. Das ist wohl Kerrigans künstlerischen Strenge, seiner beinahe unheimlichen Disziplin und Konzentriertheit zu verdanken, die das ganze Schlammassel dann doch wieder zusammenhält. Es entsteht tatsächlich der Eindruck, als könne sich Peter – und wir mit ihm – dem Gezeter seiner Umgebung nicht entziehen. Das liegt einmal mehr nicht nur am Bild, sondern auch am Ton: Zusammengemischt aus unzähligen Schnipseln, aus Radiostimmen, Kindergeschrei und nicht zu verortenden Geräuschen, bohrt sich ein Strom aus akustischen Halluzinationen in unseren – wie Peters – Kopf.
Ebenso manipulativ sind auch die Informationen, die uns der Film über Peters Rolle innerhalb des Krimiplots liefert. Es gibt unzählige Hinweise dafür, dass er der Mörder sein könnte, doch der entscheidende Beweis fehlt. Kerrigan weiß, dass wir dieser offensichtlich gestörten Figur sehr schnell einen Mord (noch dazu an kleinen Mädchen) zutrauen. Er spielt mit unseren Erwartungen bezüglich schizophrener Filmfiguren, die, wie wir in unzähligen Filmen gelernt haben, in der Regel zur Gewalttätigkeit neigen. Es geht also auch um eine vielen Menschen inhärente Angst, die große Einsamkeit mit Gewaltbereitschaft oder mindestens tiefem Misstrauen gegenüber dem Einsamen zusammenbringt. Natürlich verwehrt „Clean, Shaven“ sich bezüglich der Schuldfrage denn auch in beide Richtungen eines abschließenden Urteils, bleibt ambivalent. Das ist alles ziemlich anstrengend, teilweise unbefriedigend, aber auch schwer spannend. Allerdings eher im Sinne einer physikalisch messbaren, elektrischen Spannung, die man dann in Volt sagen kann. 1000 Volt. Zum Beispiel. Möglicherweise mehr.


Kerrigans radikale Zentrierung auf die Hauptfigur, die Analyse dieses Personenzustands, lässt den Film zuweilen wie eine Spätgeburt der New-Hollywood-Bewegung erscheinen. Dass er das Krankheitsbild seiner Figur so ernst nimmt und sich nicht erlaubt, es zu einer Metapher zu stilisieren, rückt ihn wieder davon ab. Manchmal denkt man auch an Haneke, aber der ist viel unerbittlicher und moralischer. Kerrigan bleibt integer, aber formal, trotz seiner kreativen Mittel, auch etwas streng. Das ist es wohl auch, was den Film zu solch einer einsamen Zelle macht. Das und seine schiere Nüchternheit. Lynch, Jodorowsky und Konsorten wirken dagegen wie ein Haufen Rumpelstilzchen, die uns zum gemeinsamen Bestaunen abseitiger Schmuddelheftchen und anschließender Scharlatanerie in ihr zuckersüßes Lebkuchenhaus locken wollen.

„Clean, Shaven“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie ein Filmemacher eine sehr eigene Stimme findet, die aber trotzdem universell verständlich und, noch wichtiger, durch und durch nachfühlbar bleibt. Das macht ihn zum Pflichtprogramm für jeden Filmstudenten und zu einer Bereicherung für alle anderen. Denn hier gibt es viel zu lernen über Menschen und Film und Menschen mit Störung. Leider hat seine Eigenartigkeit wenig Spuren hinterlassen. In Cronenbergs ebenfalls übersehenen „Spider“ vielleicht. Das müsste man mal prüfen. Bis dahin und erstmal: Erweitert den Kanon.


 DVD und Blu-Ray sind jüngst bei Bildstörung erschienen. Hübsch reduziert, keine deutsche Tonspur, dafür mit einem informativen Kommentartrack (inkl. dt. UT!) von Kerrigan im Gespräch mit Soderbergh und schlauen Texten im Booklet. 









Dieser Text erschien zuerst im OPAK Magazin (online).

10. Dokfilmwoche HH – Ein Rückblick

Vom 10.-14. April fand die 10. Dokfilmwoche HH statt. Und dieses kleine Festival, das Grenzen sprengt, hat einen fühlbaren Sprung hingelegt. Besser gefüllte Kinosäle als je zuvor, mehr Filmemacher_innenen und Gäste aus mehr Ländern. Und das, obwohl drei nur bedingt einladende Worte ganz besonders gut zu diesem Festivaljuwel passen: ambitioniert, mutig und streitbar. Eine nachträgliche Begehung.

Mittwoch, 10.4.

20.00 Uhr | Eröffnungsfilm: »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« | Metropolis

Wie es sich für eine Eröffnungsveranstaltung gehört, ist kaum jemand wegen des Films da: Da sind die ganzen Beauftragten und Repräsentanten, Presse und Branchenmenschen, die Pflichtbesucher eben. Aber auch die Freunde, Freunde von Freunden, Eltern, Eltern von Freunden, die Partner, die Ex-Partner, die Verlorenen, die Treuen, die Bemühten, die anderen Pflichtbesucher eben. Zusammen mit einem Freund, der viel zu spät kommt und den Film eben eigentlich auch gar nicht sehen möchte, ergattere ich noch letzte Plätze in der vorletzten Reihe. Die Eröffnungsrede ist schon im Gange.

Philipp Hartmann hat einen Film gemacht, der sich fragt, warum einem die Zeit lang vorkommen kann, wo doch jeder weiß, dass wir alle länger tot als lebendig sind. »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« ist eine Kollage, die aber nicht in einem assoziierenden Strom des Phantasierens aufgeht, sondern viele gebündelte Miniaturen anbietet, die eher von demselben Punkt aus gedacht zu sein scheinen. Manche dieser Miniaturen mögen einem lang vorkommen. Denn seine innere Logik trägt der Film nicht vor sich her, sondern vergräbt sie ganz tief in sich. Er hütet sie wie ein Geheimnis. Und er tut gut daran. Er nimmt Anekdoten, Spielereien, banale Beobachtungen und Spezialhumor und überhöht die durch und durch persönlichen Kinosplitter zu Bezugspunkten für den Betrachter, legt sie frei zur Bedeutungsaufladung. Dann ist da noch tiefes Entsetzen – vor dem Sterben, mehr als vor dem Tod, vor der Auflösung des Ichs, vor dem Vergessen.
Ein formalistischer Kniff, wie der, dass jede Minute des Films für ein Lebensjahr des Filmemachers steht (laut statistischen Erhebungen müsste Philip Hartmann 76 Jahre alt werden), dient im System Hartmann eher als Initialzündung, aber nicht als Antwort auf irgendwas. Am Ende kommt man aus dem Kino und wird sich eines entsetzlichen Phänomens gewiss: Rückblickend kommen einem diese 76 Minuten schon wieder sehr kurz vor. Und damit, fürchte ich, bereitet »Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« seine Zuschauer auf einen Gedanken vor, der mit 76 Jahren, sofern es mit dem Denken dann noch geht, ganz ähnlich noch einmal auftauchen wird. (4,5 von 5 Sternen)

»Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe«
»Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe« als Eröffnungsfilm zu wählen, ist mutig und sehr ambitioniert, aber auch ein wenig unfair: Die betriebsame Atmosphäre einer Eröffnungsveranstaltung trägt sicherlich nicht dazu bei, die für den Film durchaus notwendige innere Ruhe aufkommen zu lassen. Dennoch ist die Entscheidung sehr richtig und weist schon in die Richtung, die die zehnte Hamburger Dokfilmwoche einschlägt: mutig, ambitioniert und streitbar. Nach dem Film sitzt und steht man noch im Foyer rum. Einigen gefiel der Film nicht. Mir schon. Ich unterhalte mich mit dem Freund, der den Film nicht sehen wollte, wir haben uns länger nicht gesehen. Ich gehe früher als sonst, weil mein Wecker um 5.20 Uhr klingeln wird.

Donnerstag, 11.4.

18.00 | Wettbewerb: »4 Buildings, Facing the Sea« | 3001
19.45 | Wettbewerb: »Un mito antropologico televisivo« | 3001
21.30 | Unformatiert: »Corta« | 3001

Weil ich nach der Arbeit sehr müde bin lege ich mich vor der ersten Vorstellung noch einmal hin. Das mache ich sonst nie, mich Nachtmittags hinlegen. Vielleicht weil ich Angst habe, dass die Zeit wie ein brüllender Löwe vergeht. Sich nachmittags hinzulegen ist natürlich auch nur während eines Festivals möglich, dessen ersten Vorstellungen frühesten um 17 Uhr starten. Mir kommt dies sehr menschlich vor, als wenn die Dokfilmwoche mit eingebautem Reflexionsraum daherkommt.


Im 3001 treffe ich zufällig einen lieben Menschen. Gemeinsam schauen wir »4 Buildings, Facing the Sea«. Philippe Rouy hat seinen Film aus acht Monaten Material (ca. 5700 Stunden) zusammengeschnitten, das von Webcams des Tokioter Energiekonzerns Tepco stammt, die damit die Aufräumarbeiten rund um den Katastrophenreaktor von Fukushima ins Internet übertragen. Bilder für niemanden, aufgezeichnet von dem gleichgültigen Auge der Webcam. Tepco selbst nutzt das Material nicht, nach deren Verständnis dient der Akt der Überwachung dem Aufpolieren des eigenen Images. (Ich finde solche Zufälle immer interessant, dass eine Imageaufbesserung durch das Erzeugen besonders vieler Bilder passieren soll, zum Beispiel.) Bei der Überführung dieser Bilder ins Kino passiert natürlich eine ganze Menge, aber in erster Linie ist Rouy damit politisches, abgründiges Kino über die furchtbaren Arbeitsbedingungen der Aufräumarbeiter gelungen. Ein bis heute anonymer Arbeiter in einem weißen Arbeitsanzug mit verhülltem Gesicht holt den Betrachter schließlich in einen Kommunikationsvorgang, an dem er nicht beteiligt ist – dieser Arbeiter macht das Unwahrscheinlichste von allem: Er geht plötzlich zur Kamera und zeigt 28 Minuten auf den Betrachter. Also, auf dich und auf mich (nicht: auf uns). Kurz wird »4 Buildings, Facing the Sea« auch Horrorfilm. Für Rouy war dieser Gestus des Zeigers wie ein Ruf, ein Zeichen, den Film machen zu müssen; eine Verbindung mit Fukushima herzustellen, wo keine war. Wir begegnen aber auch Krähen, einem Fuchs, Spinnen und Fliegen. Für mich hatte sich der Wettbewerb nach diesem – ersten – Film entschieden. (5 von 5 Sternen)

Ich beschließe, das Dokfilmfest beruhigt zu begehen und bleibe für den Rest des Tages einfach im 3001. Der anschließende »Un mito antropologico televisivo« ist ein verspulter Versuch, durch das Zeigen von bislang nichtgesendeten Fernsehbildern eines lokalen sizilianischen Senders, anthropologische Arbeit zu leisten. Der Film wird nach jeder Vorführung zufällig verändert. Manches Material kommt hinzu, anderes fällt weg. Irgendwie dreht sich das Mixtape trotzdem um Wohnungsnot, korrupte Politiker und wütende Hausfrauen Anfang der neunziger Jahre auf Sizilien. Im Anschluss an den Film ringt ein junger Italiener mit müdem Blick frustriert um Worte, die Dolmetscherin auch. Ihr ist das Reden unangenehm, was mir bei einer Übersetzerin komisch vorkommt, doch wahrscheinlich macht sie sonst etwas völlig anderes. Die Moderatorin ist sehr geduldig mit ihnen, das Publikum auch. Soweit ich es verstanden habe, möchte das Kollektiv hinter »Un mito antropologico televisivo« gerade durch den Gebrauch von Material regionaler Kleinstsender auf die Spur einer alternativen Erzählung kommen, abseits der offiziellen Geschichtsschreibung und medialer Platzhirsche. Ich bin mir nicht sicher, ob der edle Weg des Chaos und der Willkür für dieses Projekt der richtige ist. Mein Mitstreiter fand ihn besser als ich. Zum Glück geht es da auch schon weiter. (2 von 5 Sternen)

Nämlich mit »Corta«, der in langen unbewegten Kameraeinstellungen Männer beim Umhauen von Zuckerrohr zeigt und macht, was diese Sorte des »Pure Cinema« so machen soll: Er sieht (eigentlich) toll aus, hat eine wundervolle Tonspur, ist kontemplativ, lädt zur Meditation ein und bringt zum Schluss noch ein visuelles Gimmick – wenn am Ende des Arbeitstages die Zuckerrohrreste abgebrannt werden, glüht es zunächst rechts im Bild bis schließlich die ganze Leinwand in Flammen aufgeht. Alles ganz toll, alles ganz besinnlich. Wenn es da nicht ein Kopienproblem gegeben hätte. Dass solch ein materialinteressierter Film, der mehrmals auf sein Aufzeichnungsverfahren via 16-mm-Film hinweist, überhaupt als DCP gezeigt werden soll, kann einem schon zu denken geben. Leider hatte der Server im 3001 Probleme mit dem Codec des DCP, und es wurde stattdessen eine Datei gezeigt, die wiederum ihre eigene Komprimiertheit auf der Leinwand zu erkennen gab und sich so zwischen Betrachter und Film stellte. Analgelagertere Menschen könnten sagen, dass man »Corta« sich dann auch völlig schenken kann, weil auf diese Weise der eigentliche Sinn dieses Kinos in Pixelwolken aufgelöst wird. So weit würde ich hier nicht gehen, ich bin froh, ihn trotzdem gesehen zu haben, aber sehr, sehr schade ist das schon. (3,5 von 5 Sternen)

»The Punk Syndrome« sparen wir uns, der liebe Mensch und ich. Stattdessen gehen wir noch in etwas essen. In einem Falafel-Laden um die Ecke treffen wir Philipp Hartmann. Wir sprechen über die schlechte Kopie von »Corta«, weil er ihn auch gerade gesehen hatte. Ich sage ihm, dass mir sein Film sehr gut gefallen hat. Er bedankt sich. Wir sitzen zu dritt und essen Falafel. Danach verabschieden sich alle. Morgen geht der Wecker noch einmal früh los bevor ich ins Festival-Wochenende entlassen werde.

Freitag, 12.4.

20.30 | Dokland Hamburg: »Apple Stories« | Lichtmess
23.00 | Wettbewerb: »Mondomanila« | 3001

Es wird wärmer und das Gefühl von Schulferien macht sich breit. Da ich länger arbeite und mich danach fürs Kochen entscheide, verpasse ich »Dragooned«, der eigentlich auf meinem Plan stand. Dafür schaffe ich es noch, seit langem wieder mit meiner Mutter zu telefonieren. Auf die Frage, was ich denn heute Abend noch machen würde, antworte ich, ich gehe ins Kino.

»Apple Stories«
Mich begleitet ein Freund, der sonst eher nicht viel am Hut hat mit Film, zu Rasmus Gerlachs »Apple Stories«, was mich sehr freut. Eine epische Reportage über den Herstellungsprozess von iPhones. Der Film beginnt mit der Eröffnung des großen Apple-Ladens in Hamburg und besucht einige Handy-Doktoren in den Kellern von St. Pauli. Männer und Frauen, die über Mikroskope gebeugt, nach und nach die Schichten des Mystischen von Apples Kultobjekten abtragen. Was so weit geht, dass ein Apple-Mitarbeiter einen der Doktoren gefragt hat, wie sie denn den iPod Touch öffnen, ohne ihn zu zerstören. Sie selbst könnten das nämlich nicht. Das Öffnen eines Elektrogeräts als politischer Akt.
Von da aus geht Rasmus Gerlach nach Ruanda, wo in Minen das kostbare Zinn für die Geräte abgebaut wird, aber auch nach Hongkong, Kairo und Shenzen. Das ist alles ziemlich interessant, auch sehr viel und natürlich erschreckend. Die kontrastierenden Effekte funktionieren. (Ich bemerke während der Aufnahmen von den Arbeitern in Ruanda, dass wenn ich an ausbeuterische Minenarbeiten denke, innere Imperialismus-Bilder von Sklaventreibern beschwöre; in Wirklichkeit sind die repressiven Strukturen viel komplexer: Zum Beispiel sind die Arbeiter in selbstorganisierten kleinen Gruppen in den Mienen unterwegs, ihr Gehalt bekommen sie als Prepaid-Guthaben auf ihre vom Unternehmen zu günstigen Konditionen (die Kommunikationstechnologie wird in Ruanda staatlich gefördert) bereitgestellten Handys geladen, von wo aus sie es für weitere Zahlungsvorgänge benutzen können. Das Handy ersetzt das Konto, der Arbeitgeber die Bank.)
Es sind nicht die Technikbilder, die »Apple Stories« manchmal kurz in einen Science-Fiction-Film verwandeln: Es ist der Eindruck, dass die Reparatur eines High-Tech-Geräts wie dem Smartphone Teil einer Grassroots-Bewegung sein kann.
Es lief eine synchronisierte Version. Wieso bloß? Davon abgesehen gefiel uns beiden der Film sehr gut. (4,5 von 5 Sternen)

Ich verabschiede mich schnell von meinem Freund, der sonst eher nicht viel am Hut hat mit Film, und düse mit dem Fahrrad ins 3001, wo meine langjährigste Freundin auf mich wartet. Sie ist Anwaltssekretärin und steht auf The Fall, Polvo und John Zorn. In der Reihe hinter uns im ausverkauften 3001, sitzt der liebe Mensch vom Donnerstag. Gemeinsam gucken wir nun also den philippinischen »Mondomanila«, von dem uns das Programmheft »bizarre Episoden, überladen mit Sex, Drogen und wildgeworden Teenagern« verspricht. Irgendwann begreife ich, dass sich dort ein paar junge Schauspieler als Bad-Ass-Motherfuckers inszenieren, der Filmemacher sich dafür mit ihnen verbündet und er die tatsächlichen Bewohner dieses Slums in Manila zu stummen Statisten am äußersten Rand der Bilder macht. Nachdem ich weiter bemerke, dass die Power des Films aus einem altbekannten Ort der Teenage-Angst kommt, einem Ort der Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, bin ich damit völlig okay. In dem Publikumsgespräch nach dem Film, versucht Rasmus Gerlach dem leicht amüsiert dreinschauenden Filmemacher Khavn de la Cruz in brüchigem Englisch Genretheorie zu erklären. Dem Publikum ist das ein wenig unangenehm. Einem Bekannten beschreibe ich den Film später als eine Mischung aus Harmony Korines »Gummo« (wegen der Furchtlosigkeit) und Sion Sonos »Love Exposure« (wegen der hysterischen Spontanität), aber lange nicht so genial, was wahrscheinlich völlig falsch ist. Meiner Begleitung gefällt die Musik. Später in einer Kneipe sind wir uns darin einig, dass wir dem Film 3 von 5 Sternen geben würden.

»Mondomanila«
Samstag, 13.4.

14.30 | Retrospektive: »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« | 3001
18.00 | Unformatiert: »Anders, Molussien« | Lichtmess
20.30 | Dokland Hamburg: »1,7« | Lichtmess

Angeschlagen schiebe ich meinen müden Körper in den überfordernden »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« von Gerhard Benedikt Friedl, der mir ausgesprochen gut gefällt. Die Darstellbarkeitskrise, von der auch das Programmheft spricht, kann man in diesem Film sehr gut sehen: »Die Lage wird dadurch so kompliziert, daß weniger denn je eine einfache ‚Wiedergabe der Realität‘ etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus«, schreibt Brecht im Dreigroschenprozeß. In gleichförmigen, sehr ruhigen Schwenks werden vor allem völlig unterschiedliche Formen der Arbeit gezeigt, aber nicht nur. Immer wieder gibt es aus Autos heraus gefilmte POVs; Menschen, die Straßen überqueren; und eben auch jene Brecht-Fabriken. Dazu ein sehr nüchterner literarischer Text auf der Tonspur, der Sprecher hat einen monotonen, harten Duktus. Er berichtet von persönlichen Verwicklungen des Großkapitals. Das sich dem Film anschließende Gespräch von Werner Ruzicka und Werner Dütsch ist ziemlich interessant. Ich erfahre, dass Gerhard Friedl sich umgebracht hat. Außerdem stellen sie einen Zusammenhang zu Thomas Bernhard her, von dem ich aber nur ein Buch halb gelesen habe. »Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?« bleibt ein Film, an dem man sich abarbeiten kann. (5 von 5 Sternen)

»Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?«
Ein anderer guter Freund und Schauspieler, der mittlerweile in einer fremden Stadt wohnt, meldet sich spontan, weil er in Hamburg ist. Ihm blutet das Herz. Zu »Anders, Molussien« kann ich ihn nicht überreden, aber zum Slime-Film »1,7« will er auch mitkommen.

Mit »Anders, Molussien« bewegt man sich im Outer Rim der Kinogalaxis, oder in ihrem tiefsten, glühenden Kern; je nachdem, welche Perspektive man einnimmt. Nicolas Rey hat selbstgebaute Kameras genommen, teilweise durch Windkraft betrieben, und auf gröbstkörnigem Film ein fiktives faschistisches Land (Molussien) portraitiert, das in einem Buch von Günther Anders vorkommt, welches nie ins Französische übersetzt wurde und der Filmemacher deswegen nicht lesen konnte. Er hat es andere lesen lassen, die ihm dann davon erzählen mussten. Anschließend entwickelte und vertonte er den Film selbst. Vor jeder Vorführung wird die Reihenfolge, in der die einzelnen Filmrollen gezeigt werden, ausgelost. So oder so, »Anders, Molussien« ist sehr archaisches Kino. Leider rauchte in diesem ganz und gar analogen Ereignis der 16-mm-Filmprojektor ab und die letzten vier Minuten konnten nicht gezeigt werden. Damit bleibt diese Fassung von »Anders, Molussien« für immer unvollständig. Bei 362.880 möglichen Reihenfolgen ist eine Wiederholung dieser Version sehr unwahrscheinlich. Zum Glück werden bei einer anderen Vorstellung diese Film-Minuten wieder durch einen Projektor laufen, auch wenn sie dann nicht die exponierte Stelle der letzten vier haben werden. Dass diese Vorstellung nicht beendet wurde, macht mich im Nachhinein sehr unruhig. (5 von 5 Sternen)

»Anders, Molussien«
Zum Slime-Tourtagebuch »1,7« stößt mein Berliner Schauspieler- und Filmemacherfreund hinzu. Meine The-Fall-Freundin ist aus naheliegenden Gründen mit von der Partie: »Slime? Klar!« Das Lichtmess ist ausverkauft. Ein, zwei Stinkepunker, die ’s Maul nicht halten können, sind zum Glück auch da. Meine Unzufriedenheit mit dem Film fußt zum einen auf dem Missverständnis, dass ich dachte, der Film sei von dem Rowdy der Band selber angefertigt und deswegen richtig schön scheiße, und zum anderen darauf, dass der Film sehr nett und langweilig ist. Meine Begleiter fanden ihn zum Glück besser. Ich musste mehrmals lachen und daran denken, ob Nicolas Rey wohl noch am Tresen hinten im Saal stand. Ein großkotziger Peter Ott führte ein Publikumsgespräch, das keines war. Anschließend gab es Karlsquell aus Luxemburg. (1,5 von 5 Sternen)

Wir waren noch essen beim Asiaten, dann im Festivalclub und landeten später in derselben Kneipe wie am Abend zuvor.

Sonntag, 14.4.

14.30 | Retrospektive: »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu« | 3001
18.30 | Spezial: »Into the Abyss« | Metropolis
21.00 | Unformatiert: »Leviathan« | Metropolis

Angeschlagener schiebe ich meinen noch müderen Körper zum letzten Festivaltag in den sehr langen »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu«. Mein Freund aus Berlin begleitet mich noch einmal. In der Reihe vor uns sitzt Nicolas Rey. Ich schwitze und stinke. Der Film ist dafür ein weiteres Highlight. Er baut aus Propagandamaterial, das ein siebenköpfiges Kamerateam um Ceauşescu praktisch über dessen gesamte Wirkungsdauer von ihm aufgezeichnet hat, eine Biografie der Persona. Von daher verweist das »Auto-« im Titel auf eine Figur, die aus den Bildern kommt, nur im Bild besteht, und daher auch Urheber dieses Films ist. Auch wenn jemand anders – Andrei Ujica – das Material zusammengeführt, geordnet und bearbeitet hat. Und nur an dieser ewig winkenden Persona ist der Film interessiert. Nicht an der biografischen Person »dahinter«, nicht an dem wer, wo, wann, wie, weshalb. Drei Stunden lang gibt es Reden, Propagandamärsche, Überwältigungsrevuen gegen die jeder Super-Bowl-Halbzeitshow ein Furz ist, und immer wieder treffen Staatsoberhäupter aufeinander. Es fehlt dann meist der Ton und der Blick wird ganz auf Geste, Bewegung, Miene gelenkt. Komödiantischer Höhepunkt hier sicherlich: Wenn Ceauşescu und Kim Il Sung ratlos voreinander stehen und sich gegenseitig anwinken. »Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu« erinnert einen auch wieder daran, dass man über die Lächerlichkeit der Mächtigen lachen kann. Und dass dies nichts an dem Problem ändert, dass sie die mit der Macht sind.

»Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu«
Der schlaue Werner Ruzicka führt nach dem Film ein Gespräch mit Dokfilmfest-Typ Felix Grimm. Mein Begleiter und ich müssen leider nach zehn Minuten raus, denn die Zeit drängt. Wir gehen und reden nach dem Film noch ein Stück, müssen uns dann aber verabschieden. Mein Freund aus Berlin ist in Sachen Liebe unterwegs (sein Herz blutet nicht mehr ganz so sehr), und ich möchte Herzogs Interview mit einem zum Tode Verurteilten in Amerika sehen. So trennen sich unsere Wege.

Das Metropolis ist gut gefüllt. Rasmus Gerlach übertrifft sich in seiner Einführung zu diesem schwierigen Film selbst, überhaupt jemand, der mich sehr beeindruckt hat in den letzten Tagen. In »Into the Abyss« schafft es Kinosoldat Herzog wieder einmal, Ambivalenz und Mehrdeutigkeit zu erzeugen, indem er mit einer Panzerfaust an der Tür klopft. Er lässt seine Protagonisten reden und hält drauf. Aber eben länger als andere, bei direkteren Fragen. Leider verstehe ich nicht alles vom teilweise sehr slangstarken Englisch der Amerikaner. Dem Wunsch einer Zuschauerin nach Untertiteln muss ich mich anschließen. Mir kam es allerdings so vor, als würde ich einen eher mittelmäßigen Herzog-Film sehen. Unter anderem scheitert er am ehrfurchtsvoll andächtigen Kameraflug durch den Todestrakt. Dort hätte zumindest ich mir mehr soldatische Nüchternheit gewünscht. (2,5 von 5 Sternen)

»Leviathan«
Und schließlich endlich: »Leviathan«. Wie es sich für eine Abschlussveranstaltung gehört, sind alle wegen des Films da. Meine The-Fall-Freundin ist noch einmal mit dabei, auch der liebe Mensch, der schon am Donnerstag und Freitag mit im 3001 saß. Noch mit dabei: ein Veranstaltungstechniker und Bilderarbeiter. Außerdem: Einige bekannte Gesichter tauchen auf, Begleiter, Verbündete und Schwellenhüter, denen ich im Laufe dieses kurzen Festivaltrips begegnet bin. Nun sitzen alle wieder da, versammelt an demselben Ort, an dem unsere Reisen am Mittwoch angefangen hatten, und wir werden gleich gemeinsam in die tiefste Höhle vordringen, und ich denke, dass an Campbell doch was dran sein muss. Und tatsächlich sehen wir pures Mythenkino. Während »Leviathan« läuft, ist dann aber jeder für sich. Nur einmal höre ich meine The-Fall-Freundin sagen: »Boah, was für ein Kackjob. « Der Film ist ‘ne Wucht. Oder, um es mit Rasmus Gerlach zu sagen: »Ein dolles Ding.« (5 von 5 Sternen)

Nach »Leviathan« stehen wir noch kurz zu viert vorm Metropolis. Lachen, sind alle erschöpft, die einen mehr, andere weniger. Ich habe aufgehört zu schwitzen und stinke nur noch. Der Festivalclub hatte am Samstag seinen letzten Abend. Das Festivalteam hatte noch angekündigt, dass sie in die Toast-Bar gehen. Wir machen uns aber alle auf in Richtung unserer Zuhause, denn es ist Teamabend.

Dem Team der 10. Dokfilmwoche HH wünsche ich von ganzem Herzen, dass es einen der besten Abschlussabende der Welt hatte – denn das, was ihr da gerade macht, ist fantastisch.

Vielen Dank!

Der Text erschin zuerst im April 2013 beim Affektblog.